Die Alte Stadt-Apotheke zu Adorf

Wenn man sich mit der Geschichte der Alten Stadtapotheke zu Adorf von Pharmazierat Günther Müller beschäftigt, stellt man sehr schnell fest, dass diese auf der einen Seite noch recht kurz ist, und auf der anderen sehr eng mit der langen Apothekengeschichte der Stadt Adorf verbunden ist.

Die Alte Stadtapotheke wurde am 28. Dezember 1990 in Adorf von Pharmazierat Günther Müller gegründet und kann als eine typische Unternehmensgründung im Zusammenhang mit der politischen Wende in der DDR angesehen werden. Pharmazierat Müller war Leiter des am 1. August 1988 gegründeten Pharmazeutischen Zentrums des Kreises Oelsnitz mit Standort in Adorf. Mit dieser Gründung hatte der Kreis Oelsnitz nun auch sein Pharmazeutisches Zentrum, welches durch die Ereignisse aber nur eine kurze Geschichte hatte. Wer diese Zeit bewusst als Zeitzeuge miterlebt hat, weiß, dass in der damaligen Zeit nichts so beständig war wie die Veränderung und die Unsicherheit auch in Bezug auf die eigene berufliche Perspektive vorhanden war. Da sich für Herrn Müller zu jenem Zeitpunkt keine gesicherte berufliche Perspektive aufzeigte, beschritt er den Weg zum selbständigen Apotheker, Unternehmer und Arbeitgeber in den ehemaligen Räumlichkeiten der Adorfer Löwenapotheke am oberen Markt. Mit diesen Räumlichkeiten ist er eng mit der Adorfer Apothekengeschichte verbunden.

 

Die Geschichte des Hauses und des Grundstückes konnte Herr Müller bis in das Jahr 1688 zurückverfolgen. Damals gehörten Haus und Grundstück dem Kürschner Hans Wolf Pöhlandt und dem Weißgerber Joachim Schmidt. Vom Stadtbrand von 1776 blieb das Haus verschont. Nach Eigentümerwechseln in den Jahren 1724 und 1767  kaufte 1802 der Kaufmann Christian Friedrich Wilhelm Cramer Haus und Grundstück von Hendels Erben, der das baufällige Haus wieder fast neu errichtete. Bei diesem Umbau wurde das Gebäude um das zweite Stockwerk erweitert und das Fachwerk, das sich ursprünglich im ersten Stock befand, in das zweite Stockwerk verbracht und verputzt, so dass es nicht mehr sichtbar war. Erst durch den persönlichen Einsatz des Adorfer Architekten Dipl.-Ing. Günther Fritsch, der anhand baulicher Gegebenheiten nachweisen konnte, dass es ursprünglich als sog. „offenes Fachwerk“ am Gebäude vorhanden war, konnte im Rahmen der Sanierungsarbeiten im Jahre 1992 das unter der Putzschicht gut erhaltene Fachwerk wieder freigelegt werden. Damit ist seitdem das historische Fachwerk wieder sichtbar. Eine Beschreibung von 1802 erwähnt im Parterre „eine Wohnstube mit einem großen eisernen Ofen, hölzernen Wandschrank, zwei Fenster mit zwei eisernen Läden, neben der Stube das geräumige Kaufmannsgewölbe mit einer Glastüre auf den Markt hinaus“. Dieses „Kaufmannsgewölbe“ wurde 1992 durch Adorfer Handwerksbetriebe fachgerecht saniert und zeugt so in der Offizin und den übrigen Erdgeschoßräumen der Alten Stadtapotheke in eindrucksvoller Weise vom handwerklichen Können unserer Vorfahren. Am 9.3.1813 erwarb der „königlich sächsische Generalaccisinspektor zu Oederan und Juris Practici in Freiberg“ Salomo Gottlieb Bienert Haus und Grundstück von Seifensiedemeister Johann Heinrich Gottlob Hertel. Mit der Verlegung seiner Apotheke in das väterliche Haus begründete Christian Friedrich Bienert in diesem Haus am 9.3.1813 die dortige Apothekengeschichte. Die weitere Apotheken und Hausgeschichte gestaltete sich laut Recherchen von Herrn Müller  wie folgt:

·       Am 23.5.1828 kaufte Apotheker Traugott Schaller aus Altenburg für 6.020 Taler Haus und Apotheke.

·       Am 26.6.1828 tauscht Traugott Schaller das Hausgrundstück mit der dazu gehörigen Apotheke mit dem Besitzer der privilegierten Hofapotheke in Hartenstein mit Apotheker Carl Wilhelm Seybold.

·       Am 19.10.1833 verkauft Carl Wilhelm Seybold sein brauberechtigtes Wohnhaus mit der darin befindlichen konzessionierten Apotheke an den Apotheker Hermann Pinther, vorher in Roßleben ansässig, für 10.300 Taler. Hermann Pinther wurde von Bürgermeister Todt verpflichtet und war 40 Jahre lang segensreich als Apotheker in Adorf tätig.

·       Ende Dezember 1873 verkaufte Hermann Pinther wegen Altersschwäche auf Veranlassung von Bürgermeister Kämnitz seine Apotheke mit Haus und Grundstück.

·       Nach mehreren und teilweise kurzzeitigen Wechseln übernahm am   1. Januar 1889 Albert Otto Walter aus Bernburg die Apotheke.

       

Schauen wir uns die Anzeigen von Victor Haun aus dem Jahre 1904 bzw. seines Vorgängers Adolf Walther aus dem Jahre 1896 an, so können wir feststellen, dass die Apotheker damals wie heute anscheinend mit dem Verkauf und der Herstellung von Medikamente nicht existieren konnten. Das angebotene Sortiment liest sich teilweise wie das gut sortierte Angebot einer Drogerie, eines Reformhauses oder eines Kolonialwarengeschäftes. Was bedeutet der Hinweis, dass die Apotheke eine „Königlich privilegierte Apotheke“ war? Musste damals das Betreiben eine Apotheke vom Landesherren genehmigt und damit privilegiert werden? Victor Haun führte die Apotheke bis zu seinem Tode im Mai 1913. Das Haus und die Apotheke blieben im Besitz der Erben. Nachfolgend drei Fotographien aus der Zeit vor 1960. Welch ein Unterschied zur heutigen Ausstattung. Man kann nicht verhehlen, dass eine solche historische Ausstattung auch einen gewissen Charme verbreitet.

 

 

 

 

Die Apothekengeschichte in diesem Hause wurde nur kurzzeitig durch den Umzug der Löwenapotheke im Jahre 1989 in das Gebäude Markt 39 bis zum 28.12.1990, dem Gründungsdatum der „Alten Stadtapotheke“, unterbrochen. Im Jahre 1991 konnte Herr Müller das Haus von der Enkelin des ehemaligen Apothekers Haun erwerben.

 

Vielen Dank an Pharmazierat Günther Müller für die Bereitstellung entsprechender Informationen und der drei historischen Fotos für diesen Artikel sowie an Peter Jacob für die historische Postkarte.

 

Klaus-Peter Hörr