Fleischer Robert Hertel


Vor ca. 100 Jahren, als der Einzelhandel noch nicht sehr stark von Supermärkten und Discountern dominiert wurde, wurde das Stadtbild von einer Vielzahl von Gewerbetreibenden verschiedenster Branchen geprägt. Einer von ihnen war der Fleischermeister Robert Hertel in der heutigen Lange Straße Nr. 7. Der Anblick der Hausfassade hat sich in der Zwischenzeit etwas verändert. Die Fassade der Nr. 5 links daneben hat noch etwas Ähnlichkeit zu früher.


Im Adressbuch von 1904 werden Robert Hertel und sein Vater Theodor Hertel als Landwirte unter der Lange Straße 16 aufgeführt. Hier eröffnete Robert Hertel am 18. Januar 1908 ein Fleisch- & Wurstgeschäft. Damals war es nicht ungewöhnlich, dass Landwirte auch Fleischer und zusätzlich noch Gastwirte waren. Die Adressbücher der Stadt Adorf der Jahre 1896/1904/1914 führen 14/13/17 Fleischereien in Adorf auf. Laut den Jahresberichten der Fleischerinnung von Adorf wurde Robert Hertel am 29. März 1893 von der Fleischerinnung als Lehrling aufgenommen. Da er bereits am 21. Mai 1894 als Lehrling von Fleischermeister Ernst Ficker freigesprochen wurde, ist davon auszugehen, dass er vor dem 29. März 1893 bei einem anderen Lehrmeister in die Lehre ging.


Laut Adressbuch von 1914 befindet sich die Fleischerei Robert Hertel bereits unter der Lange Straße 7. Im Einwohnerteil wird Robert Hertel als Fleischermeister genannt. In den Jahresberichten der Fleischerinnung bis 1910 ist nicht vermerkt, dass Robert Hertel von ihr zum Meister gesprochen wurde bzw. der Adorfer Innung beigetreten ist. Es wäre durchaus auch möglich, dass er von einer anderen Innung zum Meister gesprochen wurde. Der im Besitz der Nachkommen befindliche Meisterbrief, datiert vom 12. Januar 1921 und ausgestellt von der Kommission für Abnahme der Meisterprüfung in Zwickau, irritiert etwas. Musste die Meisterprüfung wiederholt werden oder gab es einen Unterschied zwischen dem Meisterbrief von 1921 und einem früheren? Es ist auch nicht auszuschließen, dass der Eintrag im Adressbuch von 1914 nicht ganz korrekt war.



Laut Gewerbeanmeldungen vom 8. Januar 1908 hat Robert Hertel zu diesem Zeitpunkt eine Bankfleischerei angemeldet. Gab es hierfür einen gesonderten Meisterbrief? Durfte er eventuell nur Freibankfleisch verarbeiten und verkaufen? Seine Nachkommen können sich noch gut daran erinnern, dass es bei Fleischer Hertel nicht nur Rind- und Schweinefleisch sondern auch Geflügel und Wild gab. Dieses Angebot wartete fein aufgereiht auf langen Stangen auf die geehrte Kundschaft. Ob die Fleischerei Robert Hertel noch für längere Zeit nach dem Ende des 2. Weltkrieges fortbestand, ist nicht bekannt. Zu diesem Zeitpunkt war Robert Hertel bereits im Rentenalter. Laut Archivunterlagen der Stadtverwaltung Adorf hat Robert Hertel Ende 1945/Anfang 1946 Einspruch gegen Pflichtablieferungen gemäß Befehl 18 Abs. 13 der SMAD eingelegt. Dieser Befehl betraf die Ablieferung von tierischen Erzeugnissen für Bauern mit Tierhaltung ohne jegliche Differenzierung zwischen den bäuerlichen Wirtschaften. Dies fehlende Differenzierung kann der Grund für den Einspruch gewesen sein. Seine Enkeltochter erinnert sich noch heute, dass sie als Kind täglich Mich zur Ablieferung brachte.



Der Name Hertel ist in der Gewerbegeschichte der Stadt Adorf nicht nur mit der Fleischerei Robert Hertel verbunden. In der Storchenstraße betrieb sein Sohn Fritz und dessen Sohn Fritz Rudolf eine Landwirtschaft. Ihre Felder lagen in Richtung Arnsgrün. Angebaut wurden dort Getreide, Rüben und Kartoffeln. Gleichfalls wurde dort das Heu für die Tiere geerntet. Mit den Pferden wurden nicht nur die Felder bestellt und die Ernte eingefahren, sondern auch so mancher Sarg zum Gottesacker gebracht.



Dipl. Ing. Wolfgang Riedel berichtet auf der Homepage der Stadt Adorf unter der Rubrik "Nachkriegsjahre, Schul- und Jugendzeit in Adorf/Vogtl." über die Bestattungskultur in vergangener Zeit. Dabei wird auch daran erinnert, dass Fritz Rudolf Hertel in Adorf der "Spitzig-Fritz" war. Woher der Spitzname stammt, ist nicht mehr bekannt. Bekannt ist dagegen, dass er diesen Spitznamen nicht gerne hörte. Sein Leichenwagen soll nach mehreren Aussagen ein prachtvolles Gefährt gewesen sein. Mit unterschiedlich großem Kranz- und Blumenschmuck fuhr der Leichenwagen den Sarg des Verstorbenen, gefolgt vom Trauerzug, vom Sterbehaus durch die Stadt zum Friedhof. Als der Leichenwagen durch ein motorisiertes Exemplar ersetzt wurde, wurde dieser irgendwann verkauft. So richtig ist nicht mehr bekannt, wer der Käufer war. Es wird verschiedentlich vermutet, dass dieser vom "Film" erworben wurde. Dies hätte in der DDR nur die DEFA gewesen sein können. Eine Nachfrage bei der DEFA-Stiftung blieb leider erfolglos. Für solche Anfragen sind sie nicht zuständig und können auch nicht helfen. Könnten wir einen DEFA-Film benennen, in dem dieser Leichenwagen zum Einsatz kam, dann wären sie wieder zuständig und könnten uns vielleicht helfen.

Vielen Dank an Frau Wiese und Frau Möckel für die interessanten Informationen und das zur Verfügung gestellte Material aus dem Familienarchiv.

Klaus-Peter Hörr Dezember 2018