Gastwirt Hermann Klarner

(Ratskeller und Schützenhaus in Adorf)

 

Es scheint in früheren Jahren üblich gewesen zu sein, dass es in fast jedem Rathaus auch einen Ratskeller gegeben hat. Vielfach ist dies auch heute noch so bzw. wieder so. Auf der einen Seite erwirtschaftete die Stadt damit zusätzliche Einnahmen durch die Verpachtung und auf der anderen Seite hatten die Ratsherren auch einmal Hunger und Durst, welcher ohne große Umstände gestillt werden sollte.

 

Bereits 1855 finden wir im Adorfer Wochenblatt eine Anzeige vom Ratskellerwirt Adam Adler. Zu dieser Zeit befand sich das Rathaus noch nicht am heutigen Platz. Ob sich zu dieser Zeit der Ratskeller im Rathaus befand ist mir noch nicht bekannt. Auf alle Fälle war damals Adam Adler der Wirt und lud zu Rinderbraten und Bratwurst mit Salat ein. Wie auf dem Foto unten ersichtlich ist, gab es vor 1895 im Interimsrathaus einen Ratskeller im gleichen Haus.

 

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Marktplatz mit Rathaus und Ratskeller hinter dem Leiterwagen vor dem Brand von 1895

 

 

Das Adressbuch von 1896 nennt Robert Dölling als Restaurateur des Ratskellers unter der Anschrift Markt 32.  Hier merkt man deutlich, dass sich die Verwendung einzelner Begriffe mit der Zeit verändert hat. Heute würde man einen Restaurateur schnell mit einem Restaurator verwechseln. Das gleiche Adressbuch führt das Rathaus unter der Anschrift Markt 48/49. Somit waren zu diesem Zeitpunkt Rathaus und Ratskeller durch den Rathausbrand von 1895 noch getrennt. Das heutige Rathaus wurde nach ca. 15 Monaten Bauzeit am 3. 10. 1896 eingeweiht. Ob in Adorf am Tag der Deutschen Einheit auch jedes Jahr der Rathausgeburtstag gefeiert wird?

 

Ca. 15 Monate Bauzeit für die Errichtung eines kompletten Neubaus! Was für ein Tempo in der damaligen Zeit! Heute diskutiert man in Plauen seit vielen Jahren ohne Ergebnis über die Art und Weise der dringend notwendigen Sanierung der baufälligen Glasfassade des Plauener Rathauses.

 

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Foto Etzel Kaiser 11/2017

 

An der Rathausfassade in der Freiberger Straße ließen die Stadtväter nicht ganz uneigennützig groß und breit einen entsprechenden Hinweis auf den Rathskeller anbringen. Zu beachten ist die damalige Schreibweise. Zu dieser Zeit wurden noch viele Wörter mit „th“ geschrieben. Bei entsprechenden Zitaten aus früheren Texten habe ich die damaligen Schreibweisen übernommen.

 

Am 1. August 1901[1] übernahm Hermann Klarner die Gastwirtschaft Ratskeller in Adorf und bewirtschaftete diesen 20 Jahre lang. Dabei setzte er sich mehrfach bei der Ausschreibung neuer Pachtverträge durch. Laut einer Zeitungsnotiz vom 28. Mai 1910 wurde die Ratskellerwirtschaft für die nächsten 6 Jahre wiederum an den zeitherigen Inhaber, Herrn Hermann Klarner, für 1.200 Mark verpachtet. Im Jahre 1919 erhielt er wiederum den Zuschlag und zahlte für die nächsten 6 Jahre jährlich 2.150 Mark. Einen Mitbewerber gab es nicht.

 

Hermann Klarner sorgte nicht nur für Speis‘ und Trank sondern auch für regelmäßige Veranstaltungen in seinem Ratskeller. Der „musikalische Wirt“ zog mit seinem gewandten und beliebten Zitherspiel so manchen Kurgast aus Bad Elster an.

 

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        1911                                                                                                         6. März 1918

 

  Der Bierausschank war im Ratskeller in den Jahren 1902 bis 1913 recht stabil. Warum wird Hermann Klarner im Jahre 1910 das Lagerbier aus dem Angebot gestrichen und sich voll auf das Böhmische Bier konzentriert haben? War es ein Wunsch oder eine Forderung der Ratsherren? In den Jahren 1910 bis 1914 war der Ratskeller unangefochtener Spitzenreiter in Adorf beim Ausschank des Böhmischen Bieres.

 

Biermengenangabe in l

 

Der Ratskeller hatte wie die Garküche durch die hier nicht erhobene Schankgewerbesteuer einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den anderen Gaststätten. Trotzdem waren diese beiden Gaststätten im Bierausschank in jener Zeit in Summe nicht in der Spitzengruppe unter den Adorfer Gaststätten.

 

Am 22. September 1921 beschloss die Stadtverordnetensitzung mit vier Gegenstimmen die Ratskellerräume zu Büroräumen herzurichten und diese der Sparkasse zur Verfügung zu stellen. 

Das war nicht das Ende der Gastwirtskarriere von Hermann Klarner in Adorf. Er übernahm am 11. April 1921 das Schützenhaus für einen Jahrespachtpreis von 6.500 Mark. Im Schützenhaus hatte er noch bessere räumliche Voraussetzungen für ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm in eigener Regie oder für Veranstaltungen diverser Vereine.

 

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Bei der neuerlichen Verpachtung der Gastwirtschaft Schützenhaus durch den Schützenverein im Jahre 1926 unterlag Hermann Klarner trotz höherem Angebots Herrn Fritz Bäume, Inhaber von „Zwickers Hotel und Restaurant“ in Bad Elster.

 

Am 1. September 1927 berichtete der Adorfer Grenzbote, dass Hermann Klarner das „Hotel Wettin“ in Treuen käuflich erworben hat und noch im September dorthin übersiedeln wird.

Damit wird auch die seit 23.11.1904 bestehende Mitgliedschaft im Gewerbeverein Adorf geendet haben.

 

Heute wird im Ratskeller in Adorf deutsche und tschechische Küche serviert und auch wieder Böhmisches Bier ausgeschenkt. Ob dem Wirt bekannt ist, dass vor über 100 Jahren der Ratskeller erste Adresse für Böhmisches Bier in Adorf war?

 

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Sammlung Perlmutter und Heimatmuseum Adorf                                               Foto Etzel Kaiser 11/2017  

 

Klaus-Peter Hörr, November 2017


[1] Andere Quellen nennen den 1. September 1901