Pfarrer Moritz Friedrich Lohse

*18. Okt. 1810  † 19. Apr. 1905

 

Angeregt durch den zufällig gefundenen Text zu Pfarrer Luther recherchierte ich gezielt nach einem entsprechenen Text zu seinem in Limbach geborenen Amtsvorgänger Pfarrer Lohse. Da die entsprechenden Quellen nun bekannt waren, dauerte die Recherche nicht lange und ich wurde im „Amtskalender für evangelisch-lutherische Geistliche im Königreich Sachsen auf das Jahr 1906“ fündig. Der dort gefundene umfangreiche Text war mit dem zu Pfarrer Luther nicht zu vergleichen. Dieser ist nicht nur ein wunderbarer Nachruf seines jüngeren Bruders Louis Lohse, sondern auch ein interessanter Text zur Adorfer Schul-, Kirchen- und Stadtgeschichte mit vielen Details.

Louis Lohse schrieb wie folgt:

 

 

„Lohse, Moritz Friedrich, † 19. April 1905, P. em. von Adorf von 1852-1879. „Das Los ist gefallen aufs Liebliche; mir ist ein schön Erbteil geworden.“ So hätte mein beinahe 100 jähriger Bruder rühmen können beim Rückblick auf seine Pilgerfahrt. Entsprossen von einem kerngesunden, starken, lebensfrohen Ehepaar, war er hineingesetzt in ein bescheidenes Schulhaus, dessen eine Seite an den Gottesacker stieß. So ward schon dem Kinde die Kirche eine liebe Stätte, der Friedhof mit seinen reichen Fruchtbäumen ein trauter Garten. Dem Zweijährigen hat der Maler ein zartes Röslein in die Hand gegeben; das ernste Antlitz läßt den Verkündiger des Friedens ahnen.

Sein erster Lehrer war der Vater. Er verstand es vortrefflich, das Söhnlein an scharfes Denken und sorgfältiges Arbeiten zu gewöhnen. Vor vielen Jahren fiel mir sein Schreibbüchlein von 1818 in die Hände. Mit Staunen sah ich die sauberen und feinen Züge des Achtjährigen. 1822 trat er in die lateinische Schule von Plauen. Männer wie Julius Mosen, Tischendorf, Kautzsch (?) haben ihren Namen verherrlicht. Unter den treuen Rektoren Wimmer und Dölling rang er mit großem Eifer nach wissenschaftlicher Ausbildung und konnte die Eltern beglücken mit vorzüglichen Zeugnissen bei der Reifeprüfung; er hatte aber auch der Kunst nicht vergessen. Bei dem „eisernen“ Kantor Tromlitz gewann er einen wunderbaren Anschlag auf dem Piano, der nachhielt bis in die Achtzig, und ein alter Mann in seiner Kirchgemeinde sagte ihm einmal: „Wenn Sie den Segen singen, so geht es mir eiskalt den Rücken hinab.“

Von seinen Universitätsjahren sprach er mit Begeisterung; namentlich waren ihm die Professoren Winer und Riedner ans Herz gewachsen. Als er nach dem glanzvollen Examen den letzteren zum  Abschied besuchte, fragte Riedner: „Wo werden Sie sich nun erholen?“ „Ich will an den Harz.“ „Wie gern ginge ich mit Ihnen!“ „Das wäre ja herrlich, Herr Professor.“ „Ich kann nicht; ich muß arbeiten!“ Dieses Wort des hochverehrten Lehrers blieb ihm unvergeßlich.

Nun hatte er die Absicht, noch ein Semester zu studieren. Da empfahl ihn sein lieber R. Dölling der Familie Schreiner in Plauen als Hauslehrer. Es war ein schwerer Kampf in seiner Seele. Da ließ er das Los entscheiden. 1835 bis 1840 weilte er in dem reichen Hause. Zwei Mädchen und zwei Knaben waren seiner Pflege anvertraut. Liebe und Vertrauen wurden ihm im reichsten Maße entgegengebracht, und sein letzter Schüler aus dem Hause Schreiner begrüßte den Neunzigjährigen wiederholt in herzlichster Weise.

Im Predigerkolleg unter Sub. D. Fiedler fand er lebendige Anregung zu eifrigem Weiterstreben. Damals hatte Sachsen einen großen Überfluß an Theologen. Wohl 28 bewarben sich um das Rektorat zu Adorf. Mein Bruder zog am 7. Dez. 1840 ein in die liebe Stadt und blieb ihr „treu bis zum Grabe“. Wohl mochten die Bürger bei dem Anblick des langen, bleichen Mannes sich nicht der Sorge erwehren, daß der neue Rektor den Anstrengungen des Lehramts bald erliegen könne, aber der Herr stärkte ihn mächtig! Zwölf Jahre hat er der Schule gedient, 27 der Kirche. Mit Feuereifer trat er in sein Amt, aber die Liebe und sein feines Wesen erleichterte ihm das Regiment außerordentlich. Die Lehrer liebten ihn; die Schüler und Schülerinnen hüteten sich, ihn zu betrüben. Seine Anforderungen waren groß. Ich weiß, daß eine Schülerin mit ihren Freundinnen am Sonntag sich hinsetzte, um die gehörte Predigt auszuarbeiten. In der Kirche schrieben sie eifrig nach, die Sätze unter sich verteilend. Die Predigtbücher waren Schätze für die Familie, wie ein Ehrenzeugnis für die Schule. Bei einem Jubiläum meines Bruders brachte ein alter Bürger die Abschrift von der Disposition einer Festpredigt. Was die Kinder im Deutschen leisteten, war erstaunlich. Trotzdem waltete ein fröhlicher Geist in der Schule. Schulfeste zu veranstalten, war meinem Bruder eine große Freude, und er fand bei den Kollegen wie bei der Bürgerschaft freudigste Unterstützung. An einer Turnfahrt der Knaben nach Asch in Böhmen beteiligte er sich mit Begeisterung. Auch die Sonntagsschule förderte er tatkräftig und mit schönstem Erfolge. Unter den Trauerbriefen nach dem 19. April fand sich auch der eines hohen Beamten, der sich vom einfachen Sonntagsschüler emporgearbeitet hat.

Das alte Schulhaus von Adorf bekam während der Amtierung meines Bruders plötzlich über Nacht einen gewaltigen Riß. Gott verhütete jedes Unglück, und in einem Bürgerhause fand die Schule ausreichend Herberge. Die Vorbereitungen für den Neubau forderten viel Kraft und Zeit; aber es ward ein herrliches Haus geschaffen. Nun kam das Jahr 1848. Bürgermeister Todt, der allzeit meines Bruders Bestrebungen kräftig unterstützt hatte, ward Regierungsrat. Otto Heubner, der Vater des vogtländischen Turnens, war ihm ein lieber Freund. Meines Bruders Herz schlug warm für Deutschlands Größe und Einheit; darum schloß er sich dem „Deutschen Verein“ an; das brachte ihm den Titel eines „reaktionären Rektors“.

Obwohl er sich glücklich fühlte in dem Lehrerberufe, regte sich doch endlich mächtig die Sehnsucht nach einem geistlichen Amte. Sie wurde ihm erfüllt am 7. Nov. 1852. Seine feierliche Ordination erfolgte durch Sup. D. Grimm. Der dritte Geistliche fehlte, weil Diak. Just am Bette seines sterbenden Vaters saß, dessen Ende erwartend. Die erste Amtshandlung des neuen Pastors war die Trauung des zweiten Bruders, Franz Lohse, mit Emilie geb. Schuster.

Ein Pfarrhaus gab es nicht; das war ein Zankapfel zwischen dem Deutschen Hause Plauen und Adorf seit dem großen Brande von 1768. Der friedliebende Pastor Lohse harrte ruhig, bis sich ihm die Pforten des Hauses öffneten. Unterdes war große Trübsal über die Gemeinde hereingebrochen. In der Nacht vom 9. – 10. Sept. 1856 brannte ein großer Teil der Stadt ab: Die sehr gefährdete Kirche wurde gerettet, namentlich durch den Heldenmut des Schornsteinfegers Berger und seines Gesellen. In der größten Angst seines Herzens kniete mein Bruder nach eifrigster Arbeit beim Löschen am Altar und flehte im Stillen um Erbarmen. Nach dem Unglück erfuhr er von einer frommen Witwe, daß auch sie in ihrem Kämmerlein mit Gott gerungen habe.

Kurz vor dem Unglückstage hatten unsere Eltern Einzug in Adorf gehalten, um dort nach viel Mühe und Arbeit ihren Lebensabend zu genießen. Am Sonntag hatte unsere Mutter ein Töchterlein des P. Kuhn in Elster aus der Taufe gehoben. Nach seligem Tage wanderten die Festgenossen sorglos heim. Aber das Erwachen war entsetzlich. In nächster Nähe ihrer Wohnung loderten die Flammen auf. Mein Bruder rettete die Kirchenbücher, die Mutter den Priesterrock; dann drängte sie den Vater zur Eile in Babuschen, damit ihm kein Leid geschähe. „Die Zeit vom Erwachen bis zum Fliehen mag höchstens 15 Minuten gewährt haben.“ Hilfreiche Hände wollten der Mutter noch einen wertvollen Koffer aus dem brennenden Hause tragen, aber mein Bruder ließ es nicht zu, weil er fürchtete, es könne ein Menschenleben kosten, indem er von oben brennende Trümmer stürzen hörte.

Der liebe Rektor Meyer und seine edle Gattin nahmen meinen Bruder mit unseren Eltern aufs herzlichste zu sich und räumten ihnen einen großen Teil ihrer Wohnung ein. Die Stadt stellte ihnen den Schulsaal zur Verfügung. Der Hilfsverein arbeitete mit großer Anstrengung und mit herzerquickendem Erfolge. Lieblich war es, daß für die Kinder der Abgebrannten durch Gaben aus Leipzig eine schöne Weihnachtsfeier veranstaltet werden konnte.

Kaum 6 Monate nach dem Brande geriet mein Bruder in neuer Aufregung. Bei seinem demütigen Sinne traf ihn die Ernennung zum Assistent bei der Kirchenvisitation in der Ephorie Penig geradezu betäubend. Seine Briefe aus dem Frühling 1857 offenbaren das kindliche Gemüt. Eine köstliche Frucht des Auftrags, der ihm geworden, war die väterliche Liebe des Sup. D. Siebenhaar.

Adorf besitzt aus uralter Zeit eine zweite Kirche. Sie war im Laufe der Jahre ganz baufällig geworden und drohte dem Einsturze. Eifrige Kirchenfreunde nahmen sich des Heiligtums an, und mein Bruder hatte am 17. Okt. 1858 die Freude, das vollständig neu gewordene Kirchlein weihen zu können. Noch fehlte die Orgel, aber eine Hanna tat ihre Schätze auf und spendete dieses Kleinod, wie sie auch vor ihrem Tode ihren frommen Sinn durch eine reiche Stiftung bekundete.

Mein Bruder wurde durch die Huld des K. Ministeriums zum Pfarrer von Hohendorf b. Borna ernannt. Er würde sich wesentlich verbessert haben; er lehnte aber nach heißem Selbstkampfe dankend ab.

Am 7. Dez. 1865 feierte er unter der lebendigsten Teilnahme der Gemeinde ein Jubiläum. Ob es mehr dem Lehrer oder mehr dem Pastor galt, war ihm eine gar ernste Frage. In seiner Abschiedspredigt am 29. Sept. 1879 sprach er feierlich: „Das Eine darf ich aufrichtig und getrost bekennen, daß ich nach dem Heile der mir anvertrauten Seelen bei Jung und Alt in treuer Liebe verlangt und getrachtet habe.“

 

Der Genzbote 1879-10-01

 

Er hatte ein fröhliches Gemüt und einen feinen Sinn für die Herrlichkeit der Natur; aber immer mußte ihn aus aller Freude ein Gewinn für den Beruf erwachsen. Im Jahre 1845 hatte er mit drei Freunden zum erstenmal den Rhein gesehen. Sein Entzücken war groß, aber es hinderte ihn nicht, auf der Rückreise über Coburg mir die ausführliche Disposition der Predigt des  G. - Sub. Greßler mitzuteilen. „Wahrhaft erhoben verließ ich die Kirche.“

Seine Genügsamkeit gestattete ihm oft die Stärkung an Heilquellen; aber immer brachte er zugleich neue Frische für die Kirche mit. In Marienbad war es ihm vergönnt, mit G.-Sup. Jaspis, Kons.-Rat Kohlschütter und Rektor Palm in Berührung zu kommen.

Ahlfeld lernte er in Elster kennen und bewunderte ihn später in Ems und in Schaumburg. „Es ist doch ein reichbegabter, hochgesegneter, liebevoller Mann. Gott erhalte ihn noch lange in seiner Wirksamkeit!“ Mit Domh. Brückner weilte er wie der kranke Bruder Hermann in Ischl. In Kissingen hatte sich ein „sein Kollegium“ wiederholt eingefunden: Gehrock, Jaspis, Konf.-Rat Lenz erquickten ihn.

Ein Weib hat er nicht gehabt, obwohl alle Geschwister der Überzeugung waren: keines von uns wäre würdiger gewesen, ein fromm Gemahl zu haben. Sein Herz war so groß, daß es nur in  Liebe lebte. Das vierte Gebot in der lieblichsten Weise zu erfüllen, war ihm vergönnt. Bei der silbernen Hochzeit der Eltern knieten wir im Kämmerlein in heiliger Wonne. Der Mutter Bruder vom Harz lauschte auch dem Gebet.

Die Erziehung der Geschwister fördern zu helfen, war ihm eine heilige Freude. In ihnen sah er seine Kinder. Daß er während eines längeren Urlaubs durch unseren Sohn Christian (d.  Z. P. in Kleinzschocher), der zu diesem Zwecke durch den hochverehrten Sup. Lic. Böhmel ordiniert wurde, vertreten werden konnte, empfand er als eine ideale Vaterfreude: Das große Unglück des Vaters, dem durch ein hinter ihm losgehendes Gewehr der rechte Arm zerschmettert wurde, half er kräftig tragen. Den Aufenthalt der altgewordenen Eltern suchte er lieblich zu verschönern; den durch einen Sturz von der Treppe herbeigeführten Tod des Vaters betrauerte er tief. Um so mehr war er bemüht, die Mutter bis ins 80. Jahr auf den Händen zu tragen.

Die Geschwister verehrten ihn und liebten ihn herzlich. Meine nahezu 90 Jahre alte Schwester, verwittwete ? Schiller, lebt in Bautzen; mein Bruder Franz war Seminarlehrer in Annaberg, mein Bruder Hermann Diakonus an der Thomaskirche in Leipzig. Er starb nach elfjährigem schmerzlichen Verweilen in Meran.

Ich, als das fünfte Glied der Geschwisterreihe, habe nie vermocht, meinem Bruder Moritz zur Rechten zu gehen, auch bei dem einfachsten Spaziergange. Lächeld bemerkte er es, aber ich konnte nicht anders.

Seit Jahren schloß ich mein Abendgebet für ihn mit den Worten: „Herr mach’s mit seinem Ende gut!“ Als er bisweilen Sorge um mich trug obwohl ich ihm meine kleinen Leiden verbarg, bat ich den Herrn: „Laß ihn nicht den Schmerz erleben, auch noch den letzten Bruder begraben zu müssen.“ Das klingt sehr selbstsüchtig, aber es ist nur Ausdruck meiner heißen Liebe.

Das 6. der Geschwister war Antonie verw. P. Henning; das siebente Karl, Rittergutspächter in Treuen. Er starb schon 1876.

Von den Jugendfreunden meines Bruders lebt keiner mehr.  „3 W“: Wiedemann, Wolf, Wimmer hatten ihn einst begleitet beim Einzug in Adorf. Sie haben ihn auch am 7. Dez. 1865 einen Freundesring gebracht.

Nun schien er traurig vereinsamt; es schien aber nur so. Wie nach dem Tode der Mutter die Schwester des alten P. Steinmüller ihn treu gepflegt, so fand er fast stets aus dem Verwandtenkreise liebevolle Anregung. Mit einer der Nichten hat er im vergangenen Jahre zu seiner Ergötzung die Zahl der Neffen und Nichten und Enkelkinder festgestellt: es waren gerade 100.

Auge und Ohr haben ihm bis in die Achtzig treu gedient; die Abnahme der Kraft erfolgte allmählich, und der Augenarzt urteilte beruhigend. Seit Jahren schrieb er nur mit Bleistift und ließ sich täglich vorlesen. Der Besuch der Kirche blieb ihm Herzensbedürfnis. Seinen täglichen Gang von 100 Schritten setzte er in die Neunzig fort, ebenso auch seine Gelenkübungen vor dem Schlafengehen. Sein liebes Arnsgrün, das ihn so oft im Abendglanz entzückt hatte, besuchte er zu Wagen, durch den Wald fahrend.

An den Festen der Gemeinde, wie Einweihung des neuen Rathauses und des stattlichen Schulhauses, beteiligte er sich aufs lebhafteste.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam am 11. Juli 1904 mittags der Brand der Michaeliskirche von Adorf, verursacht durch eine Unbesonnenheit bei der Heizungsprobe. Die Stadt war starr vor Entsetzen. Was mein Bruder litt, äußerte sich nur in kurzen Seufzern. „Geliebte! Unsere liebe Kirche eine grauenvolle Ruine! Mir ist’s wie ein böser Traum. Doch scheint die gefährdete Schule, Pfarre und Diakonat gerettet. Menschenleben sind nicht verletzt worden. Gott tröste uns und die Gemeinde!“

Mitten in dem Schmerz um die geliebte Kirche traf den nach Fassung ringenden Bruder ein neuer Schlag. Die nahezu 80jährige Schwester, die als Witwe viele Jahre lang wechselweise in Thüringen und in Adorf weilte, starb nach schweren Kampfe am 4. August und wurde am 6. August zur Beerdigung nach Rudolstadt überführt.

Stille in dem Herrn, wandelte mein Bruder seinen Weg weiter, an jedem Morgen einen Choral spielend. Den 94. Geburtstag feierte er in einem ganz kleinen Kreise von lieben Verwandten und Freunden, die ihm auch halfen, Briefe und Gaben zu empfangen und zu ordnen, so daß der große Tag ohne Aufregung in heiliger Freude vorüberging. Daß Sub. Herzog von Oelsnitz kam, ihn zu begrüßen, tat ihm besonders wohl. In den Weihnachtstagen erquickte er sich bis zum Neujahr am Spiel meiner Tochter Frida, die ihm Bach und Beethoven und andere Lieblinge vortrug, bis ihn nach einem Erholungsschläfchen verlangte.

Als ihm im Februar meine Tochter Auguste mit einem Enkelchen besuchte, war er so wunderbar frisch, als wäre er ein Sechziger. Er scherzte mit dem Kinde und ließ sich berichten über alle Familienereignisse. Einen ganz ähnlichen Eindruck empfing mein Sohn Christian bald nachher. Der lebendige Oheim war ihm wahrhaftig ein Wunder. Niemand dachte an das Ende. Ein Katarrh stellte sich zwar ein, aber noch am 1. April schrieb mein lieber Bruder: „… hab mich letzte Nacht durch längeren, ruhigen Schlaf erquickt und gestärkt. Gott sei Lob und Dank!“

Am 8. April gab er noch brieflich meiner Tochter den Auftrag zur Versorgung einer Konfirmationsgabe für eine Enkelnichte. Plötzlich rief ein Telegramm am Palmsonntag abends meine Töchter Auguste und Frida an das Krankenbett. Am Morgen wurde mein Sohn – der Arzt – telephonisch herbeigezogen. Die Ärzte fanden den Zustand des Kranken durchaus nicht hoffnungslos, ja mein Bruder bat am Dienstag früh, die Leipziger Diakonissin möge nicht kommen, er sei ja gut versorgt.

An der Mittwoch früh 7 Uhr verschied er; am Osterheiligabend ward er begraben. Am Sarge sprach mein Sohn Christian, in der Johanniskirche zuerst Pfarrer Luther, dann Sup. Herzog, dann Pf. von Zezschwitz, dann Bürgermeister Kämnitz, dann mein Sohn Gottreich, seiner seligen Mutter gedenkend, die des Entschlafenen Schülerin gewesen, dann Fabrikbes. L. Uebel. Heilige Lieder ertönten dazwischen. Im Grabe warfen 7 Amtsbrüder mit Bibelworten ein Häuflein Erde hinab. Die Gemeinde war in Einmütigkeit bestrebt, den „Ehrenbürger“ ehrenvoll zu bestatten. Der Militärverein trug ihn auf seinen Schultern, die Turner folgten. Die Fülle der Palmen und der Kränze war groß. Am Abend konnte sich mein Neffe nicht enthalten, auszurufen: „Ich habe einen Fürsten und zwei Fürstinnen mit begraben, aber so ein fürstliches Begräbnis habe ich noch nicht erlebt.“ Meine Seele aber weilte bei meinem lieben Bruder, und ich flehte innbrünstig: Ach Herr, verkläre du ihn!

 

(In pietätvoller Liebe geschrieben vom 85jährigen Seminaroberlehrer und Musikdirektor a.D. Louis Lohse in Plauen.)“

 

Bewußt möchte ich auf Ergänzungen und Erläuterungen zu einzelnen Ereignissen und Begebenheiten im obigen Text verzichten. Die Turnfahrt am 28. Juli 1848 nach Asch wird von Louis Lohse im obigen Text lediglich mit einem Satz erwähnt. Allein zur Teilnahme von Rektor Lohse an dieser Turnfaht ließe sich mehr als eine Seite schreiben. Wer sich mit der Geschichte der Stad Adorf beschäftigt, wird in vielen Quellen immer wieder auf den Rektor und Pfarrer Moritz Friedrich Lohse stoßen.

 

Klaus-Peter Hörr

April 2022