Spitzen und Stickereien aus Adorf

 

 

Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Vogtland ein Zentrum der deutschen und internationalen Stickereiindustrie. Laut Plauener Spitzenmuseum gab es 1907 über 4.000 Firmen jeglicher gewerblicher Form in diesem Industriezweig. Diese waren nicht nur in und um Plauen bzw. im Raum Auerbach/Falkenstein angesiedelt. Auch in Adorf gab es solche Firmen. Um 1860 errichtete der Plauener Unternehmer Goesmann in Adorf in der heutigen Goesmannstraße eine Maschinenstickerei. Damit begründete er die Adorfer Textilindustrie. In seiner Fabrik liefen bis zu 80 Stickmaschinen. Auf dem Bild unten erkennt man das Fabrikgebäude am oberen linken Bildrand. Um die Bereitstellung von Fachkräften für diesen neuen  Industriezweig zu fördern, wurde am 5. August 1861 in Adorf i.V. eine  Stick- und Pointschule eröffnet. Die Schule befand sich damals in angemieteten Räumlichkeiten auf dem Marktplatz gegenüber dem damaligen Amtsgericht, heute eher als ehemalige Poliklinik bekannt. Begonnen wurde mit 60 Schülerinnen im Alter von 10-14 Jahren. Zu Michaelis 1866 wurde der Schulbetrieb wieder eingestellt.

 

Einen interessanten Einblick in die Arbeitsbedingen der Beschäftigten der Stickerei F. D. Goesmann liefert ein Artikel in der Zeitung „Vorwärts, Central-Organ der Sozialdemokratie Deutschlands“  vom 11.7.1877.

 

„Adorf, 1. Juli. Die nachfolgenden Ziffern werden jedem Unparteiischen beweisen, dass es am hiesigen Orte um die Lage der Arbeiter um nichts besser bestellt ist als an anderen Orten und daß auch hier der Nothstand herrscht, denn es ist bereits eine Unmöglichkeit, die Arbeitslöhne noch tiefer herabzudrücken. Es befindet sich hier die mechanische Maschinenstickfabrik von D. Geßmann; dieselbe beschäftigt etwa 80-84 Sticker und ebenso viele Mädchen. Fachmänner werden nun wohl zugeben, daß die folgenden Lohnsätze sehr niedrig sind: Für 1000 Stiche 5/4 Rapport 6 Ellen 1 M. 30Pf., 4/4 Rapport 8 Ellen 2 Mk., 4/4 Rapport 8 Ellen 3 Etagen 2 M. 90 Pf. ??? Nach dieser Berechnung verdient ein fleißiger Sticker bei guten Mustern 12 M. pro Woche, wovon jedoch für das Fädelmädchen 5 M. abgehen; es bleiben dann noch der Hungerlohn von 7 M., vorausgesetzt, wenn die ganze Woche über gearbeitet wird. Gegenwärtig wird jedoch nur Dreivierteltag gearbeitet und muß auch oft noch 2-3 Tage gewartet werden, bis wieder ein neues Stück in Arbeit gegeben wird. Für ganz geringe Fehler wird verhältnismäßig viel mehr abgezogen als der Ausbesserlohn beträgt. Wer länger als dreiviertel Tage arbeitet, bekommt 1 M. abgezogen u. dgl. m. Ebenso wird man in jeder Hinsicht schikaniert, es müssen z. B. die Maschinen ganz auseinander geschraubt und ausgeputzt werden, und muß dann erst wieder vierzehn Tage gearbeitet werden, bis die Maschine im richtigen Gange ist. Die Vorgesetzten dieser Fabrik sind bekannt als Sozialistenfeinde, denn bei der Reichstagswahl wurde ein Mitglied des Wahlcomité’s wegen Austragen der Stimmzettel aus der Fabrik entlassen. Die Herren scheuen sich auch nicht, das Gesetz zu umgehen und beschäftigen Kinder von 7-12 Jahren. Daß von Seite der Polizei hier nicht eingeschritten wird ist nicht zu verwundern, da es sich blos um die Kinder der Arbeiter handelt. Es darf auch Niemand erstaunen, daß die Väter ihre Kinder schon so jung der verderbenbringenden Fabrikarbeit preisgeben, da sie von ihrem Hungerlohn nicht leben können, und deshalb von ihrer Familie so viel als möglich herauszuziehen bemüht sind. Trotz dieser erschrecklichen Zustände konnte man hier noch keine Partei zu Stande bringen, weil die Arbeiter hierorts im Allgemeinen noch zu indifferent sind und weil der Anstoß von Außen durch einen tüchtigen Agitator fehlt.“

 

Diese Arbeitsbedingungen und die Bezahlung der Mitarbeiter dürfte für die Masse der Unternehmen damals üblich gewesen sein. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich hierbei um Firmen der Textil- oder Perlmutterwarenindustrie oder anderer Zweige handelte. Aus anderen Quellen ist bekannt, dass der Organisierungsgrad der Arbeiter zu der Zeit im Vogtland noch sehr gering war und viele Erzeugnisse in einem erheblichen Überangebot zu geringen Preisen auf die Märkte gelangten. Dies hatte einen unmittelbaren Einfluss auf das Lohniveau und die Arbeitsbedingungen.

 

1918 wurde die Stickereifabrik  F.D. Goesmann von der Textilosewerke und Kunstweberei Claviez AG gekauft und diente zur Herstellung von Teppichen. Interessant, wie wenig Bäume damals in der Umgebung der Stadt wuchsen. Deutlich erkennbar auch noch der alte Straßenverlauf der heutigen Markneukirchner Straße.

 

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Es ist schwer zu sagen, wie vielen Menschen dieser Industriezweig damals Lohn und Brot gab. Im Adressbuch von 1904 finden wir neben einigen Stickereifirmen 81 Einträge von Lohnstickern und Stickern. Im Adressbuch von  Emil Wolff aus dem Jahre 1914 sind es insgesamt 56 Einträge. Damals wurden in den Adressbüchern nur die männlichen Haushaltsvorstände aufgeführt. Frauen wurden nur als Witwen oder nur dann aufgeführt, wenn sie einen eigenen Haushalt führten. Wir wissen, dass in der Stickereibranche damals auch viele Frauen und Jugendliche als Fädlerin, Aufpasserin oder in der Nacharbeit arbeiteten. Es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn man vor dem 1. Weltkrieg von mindestens 250-300 Beschäftigten in diesem Industriezweig ausgeht.

Das Sortiment scheint sehr vielfältig gewesen zu sein. In verschiedenen Firmenanzeigen im Adressbuch des Jahres 1896 stellen sich einige Firmen als Produzenten eines breiten Sortiments von Stickereiartikeln vor.

 

·      Richard Bammler wirbt für Ein- und Ansätze, Tülle, Spitzen sowie Konfektion wie Schürzen und Kinderkleidchen.

·      Heinrich Teichmann ist auf Handstickerei für Monogramme und andere Sachen in weiß, bunt sowie Seide spezialisiert.

·      Chr. A. Kolbe bietet Seidenstickereien aller Art für Kleider, Châles, Tücher, sowie Confections- u. Tapisserie-Stickereien, Spitzen, Kragen etc. etc. an. Ein beachtliches Sortiment!

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1904 sind diese Firmen mit ihren gewerblichen Anzeigen im Adressbuch nicht mehr vertreten. Agierten sie nicht mehr selbstständig am Markt? Waren sie „nur noch“ Zulieferer für die großen Verleger und Unternehmen in und um Plauen? Im Adressbuch von 1925 wird unter der Rubrik „Größere Werke“ nur noch die mechanische Stickerei Ch. A. Kolbe aufgeführt.

Laut Anzeige im Grenzboten von 1911 suchte die Stickerei Chr. A. Kolbe Mädchen für Schiffchenstickmaschinen und H. Ed. Müller einen Käufer für Stickmaschinen. Waren es eventuell veraltete Handstickmaschinen?

 

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Durch die von Fabrikant Paul Kolbe, Sohn des Firmengründers Christian August Kolbe, in der Jubiläumsausgabe des Grenzboten vom 24. 09. 1934 verfassten kurzen Firmengeschichte kennen wir einige Details zu seinem Unternehmen.

Der am 5.8.1843 in Leubetha geborene August Kolbe war vor dem Aufbau einer eigenen Stickerei Sticker bei F.D. Goesmann in Adorf und in Kappel bei Chemnitz. 1874 verlegte er seine 1872 in Kappel gegründete Stickerei nach Adorf. Beim großen Brand von 1883 verbrannten seine gesamten 13 Stickmaschinen im damaligen Gasthaus „Blauer Engel“ am Standort der heutigen Sparkasse. In den Jahren 1883/84 wurde ein neues Fabrikgebäude am Schönecker Weg errichtet und mehrfach erweitert. Die Weberei Gebrüder Uebel war damals ein ernster Konkurrent in Bezug auf weibliche Arbeitskräfte. So wurde 1897 ein weiteres Fabrikgebäude mit 8 Handstickmaschinen in Mühlhausen errichtet. Eine solche Handstickmaschine ist noch heute in der Schaustickerei Plauen zu besichtigen.

Im Jahre 1894 wurden in Adorf die ersten leistungsfähigeren Schiffchenstickmaschinen aufgestellt. Bei Ausscheiden des Firmengründers im Jahre 1910 beschäftigte das Unternehmen ca. 100 Mitarbeiter an 25 Hand- und 12 Schiffchenstickmaschinen. Weiterhin wurden diverse Heimarbeiter beschäftigt. Im Jahre 1911 kamen die ersten Stickautomaten zum Einsatz. Sie ermöglichten eine weitere wesentliche Steigerung der Produktivität. Eines der Schwerpunkte im breiten Sortiment des Unternehmens waren zu dieser Zeit schwarze kunstseidene Spitzen.

 

Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges gab es nicht nur bei den Adorfer Stickereien einen herben Absatzeinbruch. Dieser wurde in der Nachkriegszeit nie wieder aufgeholt. Im Jahre 1927 beschäftigte das Unternehmen noch ca. 50 Mitarbeiter, darunter jeweils 3 Mitarbeiter mit 40- und 25- jähriger Betriebszugehörigkeit.

 

Wie bekannt, war die Stickereiindustrie im Vogtland jener Jahre ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und ließ Plauen zu einer Großstadt mit über 120.000 Einwohnern werden. Die Stickerei war aber auch ein Industriezweig, die großen konjunkturellen Schwankungen unterworfen war. Oft ernährte der Stickerlohn kaum die Familien der vielen Lohnsticker. Belegt wird dies durch mehrere Schreiben des Lohnstickers August Schreckenbach an den Stadtrat zu Adorf. Da die Stickerei seine Familie nicht mehr ernährte, beantragte er für sein Haus Elsterstraße 334 B (heute Elsterstraße 58) eine Schankkonzession für eine Sommerrestauration. Diese wurde ihm über 20 Jahre verwehrt. Als Pächter der „Deutschen Flotte“ und der Garküche/Goldener Stern konnte er dann doch noch in diesem Bereich tätig werden. Wie lange er noch als Sticker arbeitete ist nicht überliefert.

 

Wie ging es mit der Stickerei Ch. A. Kolbe  nach dem 2. Weltkrieg weiter?

Wer oder was war der Adorfer Maschinenstickerverein? Er traf sich am 25.Februar 1911 in der „Deutschen Flotte“, heute den Adorfer eher unter dem ehemaligen Pilspub MAXX bekannt, in der Hohestraße 27 zur Hauptversammlung.

 

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Gibt es in dem einen oder anderen Kleider- oder Wäscheschrank noch heute ein Stück aus guter Adorfer Spitze/Stickerei? Wer kann noch etwas zu diesem Kapitel Adorfer Industriegeschichte berichten?

 

Klaus-Peter Hörr

Oktober 2018