Stickereien aus dem Vogtlande für Kaiserin und Kaiser

 

 

Im Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 7. September 1880 findet sich nachfolgender kurzer Artikel betr. einer Stickerei aus dem Vogtland für das deutsche Kaiserpaar.

 

„Aus der Manufactur für Hand- und Maschinenstickereien des Herrn Richard Mühlmann zu Plauen im Vogtlande sind so eben einige für den Kaiser und die Kaiserin bestimmte Kunststickereien hervorgegangen, in welcher sich die vogtländische Kunstarbeit in ihrer höchsten Vollendung zeigt. Für die Kaiserin ward ein Taschentuch und eine Hemdpasse, für den Kaiser ein Hemdeinsatz gefertigt. Der Stoff, welcher zur Verwendung kam, besteht aus dem feinsten Leinenbatist. Der Rand des Taschentuchs bildet eine Kante, abwechselnd Maiblümchen-, Rosen- und Kornblumenbouquets darstellend, unterbrochen durch Ajour-Arbeit. Die Ecke trägt den Namen „Augusta“, von Rosenzweigen durchschlungen. Der Name ruht zunächst auf einem mit schwarz-weiß-rothem Band durchzogen, in Stickerei ausgeführten Spitzenbehang. Ueber dem Namen steht die Kaiserkrone. Die Hemdpasse für die Kaiserein trägt ebenfalls den Namen „Augusta“ und auf dem Bruststück ein Rosenbouquet, aus welchem nach beiden Seiten ein geschlungenes Band läuft, nach rechts mit Lorbeeren und am Ende des Bandes mit Kornblumen abschließend. Ueber dem Namen befindet sich wieder die Kaiserkrone. Der Hemdeinsatz für den Kaiser enthält drei Boutons, zu oberst und unterst ein W, durch welches sich ein Lorbeerzweig windet und über demselben die Kaiserkrone, in der Mitte das deutsche Reichswappen. Obgleich das letztere die verhältnißmäßige Größe zu dem Einsatz hat, so tritt es doch mit bewundernswerther Schärfe hervor. Jede Einzelheit, welche heraldisch vorgeschrieben, ist vollständig deutlich erkennbar. Die Dessins sind von Herrn Mühlmann selbst, die Stickereien im oberen Vogtlande gefertigt.“

 

Wie es zum Auftrag zur Lieferung dieser Stickereierzeugnisse an das Kaiserpaar gekommen ist, ist uns noch nicht bekannt. War es eine direkte Bestellung oder sollte es ein Geschenk gewesen sein?

Die Kornblumen in der Stickerei für die Kaiserin hatten damals eine besondere Bedeutung. Die Kornblume war die Lieblingsblume der preußischen Königin Luise, galt als preußische Blume und als ein besonderes Symbol des Deutschtums.

Das Zentralkomitee des Preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz erklärte 1911 den 16. Juni zum „Kornblumentag“, denn 40 Jahre zuvor, am 16. Juni 1871, kehrten preußische Truppen siegreich aus dem deutsch-französischen Krieg zurück. In Erinnerung daran wurden in den preußischen Städten und Gemeinden eigens für diesen Gedenktag hergestellte Postkarten und Kornblumenanstecker zu Gunsten der Veteranenfürsorge des Roten Kreuzes verkauft.

 

Im „Vogtländischen Anzeiger und Tageblatt“ vom 5. September 1880 finden wir unter Plauen, den 4. September den gleichen Artikel wie zwei Tage später im „Leipziger Tageblatt und Anzeiger“. Er hat aber folgenden interessanten zusätzlichen Schlußsatz:

 

„… Schade, daß die Kunstarbeiten schon heute Nachmittag zur Versendung kommen müssen und so die Unmöglichkeit vorliegt, dieselben auch dem kunstsinnigen Publikum zu zeigen.“

 

Was könnte der Grund für diese eilige Versendung gewesen sein? Der 4. September 1880 war ein Samstag. Sollte die Stickerei ein Geschenk anläßlich des 10. Jahrestages des Sieges in der Schlacht bei Sedan am 2. September 1870 gewesen sein? Wenn das so gewesen ist, war man etwas spät dran und erklärt den eiligen Versand ohne öffentliche Präsentation.

 

 

Zur Firma Richard Mühlmann konnten einige Fakten ermittelt werden.

 

Karl Friedrich Richard Mühlmann wurde am 10. März 1843 in Schneeberg geboren. Im Jahre 1871 heiratete er Amalie Louise Köllner in Plauen.

Im Adressbuch Plauen des Jahres 1870 wird  Richard  Mühlmann als Zeichner in der Neund. Str. A 3 genannt. Seine Berufsbezeichnung Zeichner deckt sich mit der Information im obigen Zeitungsartikel, dass Herr Mühlmann die Dessins für die Stickereien selbst gefertigt hat.

 

1870   Mühlmann AB PL

 

Im Plauener Adressbuch des Jahres 1877/78 finden wir den Eintrag Dessinat. (Dessinateur-Musterzeichner), Stickerei-Fabrik in der Windmühlenstr. 18. Der * vor dem Eintragt bedeutet, dass er der Hausbesitzer war.

 

1870 Mühlmann

 

Im „Adreßbuch der Kaufleute, Fabrikanten und Gewerbsleute vom Königreich Sachsen“ aus dem Jahre 1878 wird Rich. Mühlmann wie folgt aufgeführt: „Spez.: Devants, Monogrammstickerei und Aussteuergesch.“ Bei der Klärung des Begriffes „Devants“ half mir Jürgen Fritzlar, Geschäftsführer des Pauener Spitzenmuseums. Laut seiner Aussage ist es eine Schürze/Vorhänger zum Bekleidungsschutz und wurde von Köchinnen und Haushaltshilfen in gehobenen Haushalten getragen. Oftmals waren sie reich bestickt.

 

Diese Einträge lassen den Schluss zu, dass Richard Mühlmann in den Jahren 1870-1878 erfolgreich als Musterzeichner tätig war und so eine eigene Stickereifabrik errichten und Eigentümer des Hauses Windmühlenstraße 18 werden konnte.

Im Adressbuch von 1881 finden wir unter der Anschrift Windmühlenstr. 18 C.F.R. Mühlmann Fabrik. Ob C.F.R. Mühlmann identisch ist mit Richard Mühlmann aus dem Adressbucheintrag von 1877/78?

 

1881 C.F.R. Mühlmann AB PL

 

Da in dem u.a. Adressbucheintrag aus dem Jahre 1886  C.F. Rich. als Inhaber der Firma Richard Mühlmann aufgeführt ist, ist zu vermuten, dass Richard Mühlmann der Vater von C.F. Richard Mühlmann war und dieser nicht mehr im Unternehmen tätig gewesen ist.

 

1886-87 C. F. Rich. Mühlmann AB PL

Laut Zeitungsmeldungen vom Mai 1888 und April 1892 war Richard Mühlmann Mitglied des Zentralvorstandes der Stickereiindustrie in Sachsen.

 

Schaut man sich die ganzseitigen Anzeigen der Fa. Mühlmann in den Adressbüchern von Plauen ab dem Jahre 1890/91 an, kann man sehen, dass es sich bei diesem Unternehmen um eine Stickerei-Manufaktur und Zeichen-Atelier gehandelt hat. Im Jahre 1890 war die Handstickerei für Wäsche ihre Spezialität. Ein Jahr später wird umfangreich auf das Fahnensortiment inkl. Zubehör hingewiesen.

 

1890-91 Rich. Mühlmann- Anzeige AB PL   1892-93 Rich. Mühlmann - Anzeige AB PL

Die „Sächsische Radfahrer-Bundes-Zeitung“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 11. Januar 1896 über die Aufnahme des Bannerfabrikanten Richard Mühlmann aus Plauen i. V. Ob Richard Mühlmann ein begeisterter Radfahrer war, ist nicht überliefert. Da fast jeder Verein früher oder später über die Anschaffung einer Vereinsfahne nachdachte, war es auf alle Fälle eine gute Geschäftsidee. In einer Ausgabe der „Sächsischen Radfahrer-Bundes-Zeitung“ aus dem Jahre 1900 findet sich dann auch die passende Anzeige für interessierte Vereine.

 

 

Am 15. Februar 1900 beschloss die Versammlung des R.–Cl. „Wanderer“ aus Steinpleis ein Banner von Herrn Richard Mühlmann zu beziehen. Da hat sich die Mitgliedschaft im gleichen Radfahrerbund ausgezahlt.

Weitere Fahnen stickte die Fa. Rich. Mühlmann 1890 für den Militärverein „König Albert“ in Schwarzenberg und 1902 für den Wettinschützenbund. In diesem war Richard Mühlmann Ausschussmitglied. Das Bundesbanner für den Wettinschützenbund wird in einem Artikel als ein Prachtwerk bezeichnet. Das belegt, dass das Unternehmen auch nach dem Tode von Richard Mühlmann erfolgrei arbeitete. Der Bericht der Städtischen Realschule zu Plauen für das Schuljahr 1894/95 berichtet darüber, dass die Fa. Rich. Mühlmann den Auftrag für die Anfertigung einer Schulfahne erhielt. Für diese lag die Erlaubnis für die Verwendung des Königlich Sächsischen Wappens vor.

Intensive Recherchen zum Verbleib der oben aufgeführten Fahnen blieben bisher erfolglos. So kann an dieser Stelle weiterhin kein Foto einer solchen gezeigt werden. Ob historische Fahnen 1945 eine leichte Beute für verschiedene Trophäenjäger wurden?

 

Die 1.180 M teure Fahne inklusive Zubehör für den Wettin-Schützenbund wird in einer Abschrift des Vertrages zwischen diesem und der Fa. Mühlmann vom 19. April 1902 sehr detailliert beschrieben. Diesen Vertrag möchte ich nachfolgend kurz zusammenfassen.

 

Es handelt sich um eine doppelseitige Vereinsfahne in den Abmessungen 140 cm x 140 cm aus bester farbiger und wasserechter Ripsseide in einer Breite ohne Naht nach Zeichnung Nr. 1934a/1936. Auf der Vorderseite befindet sich ein Eichenstamm mit Eichenlaub und die Burg Wettin. Weiterhin der Spruch „Ueb‘ Aug‘ & Hand für’s Vaterland“ in Gold gestickt, eine altertümliche Schützenscheibe sowie die Stadtwappen von Zittau, Dresden und Zwickau.

Weiterhin ziert die Fahne das Königl. S. Mantelwappen inkl. Zweige und Eichenlaub. Die gesamte Gestaltung der Fahne wird in vogtländischer Handstickerei entsprechend der abgezeichneten Entwürfe ausgeführt. Als Zubehör wurde vereinbart:

 

1.    Einfassung der Fahne mit Franse Nr. 2 in Gold

2.    Eine Fahnenstange aus bestem Kernholz braun poliert mit starker eisener Verschraubung und Hülse

3.    Eine Fahnenspitze

4.    Ein Bandelier oder Schultertrageriemen von extra starkem Rindslackleder und Schnalleneinrichtung

5.    Ein paar Quasten von Gold mit ca. 3 m Schnur

6.    Ein Überzug oder Futteral aus bestem engl. Ledertuch mit Schnalleneinrichtung

 

Es wurde eine Garantie von zehn Jahren vereinbart.

 

Ein Vertragsnachtrag umfasst:

1.    Ein Lederbandelier mit grün und weißer Seide überzogen mit der Inschrift „Wettin-Schützenbund im Königreich Sachsen“

2.    Eine Staubumhüllung von Barchent

3.    Drei Begleiterscherpen grün weiß aus echter Ripsseide und Stickerei „Wettinschützenbund im Königreiche Sachsen“.

4.    Eine Trauerschleife aus schwarzer Ripsseide mit Silberfransen, auf dem einen Ende „Wettin-Schützenbund im Königreiche Sachsen“, auf dem anderen Ende: Zwei Palmenzweige Ruhe sanft. Die Stickerei sollte mit echtem Gold ausgeführt werden.

 

Ob der Vertragsnachtrag im obigen Preis inbegriffen war, geht aus der Abschrift nicht hervor.

Von dieser Fahne soll es eine Postkarte gegeben haben. Hat jemand diese in seiner Sammlung? Gerne würden wir uns anschauen, wie obige Vertragsinhalte in vogtländischer Handstickerei umgesetzt wurden.

 

Es ist schon beeindruckend, was man bei der Bestellung einer Vereinsfahne alles  zu bedenken hat bzw. bedenken sollte.

 

Vielen Dank an Herrn Martin Kühn für die Bereitstellung der Vertragsabschrift.

 

In der Ausgabe des Adressbuches Plauen von 1898/99 erscheint die Geschäftsanzeige im neuen Design. Die Größe und Regelmäßigkeit der Anzeigen lassen darauf schließen, dass das Unternehmen über Jahre erfolgreich am Markt tätig gewesen sein muss.

 

1898-99 Mühlmann- Anzeige AB PL     1903-04  Mühlmann -Anzeige AB PL

 

Im „Verzeichniss der im Königreich Sachsen in die Handelsregister eingetragenen Firmen“ aus dem Jahre 1883 wird die Fa. Rich. Mühlmann, Weisswaarenfab. unter der Handelsregisternummer Plauen 445 geführt. Eigentümer war damals Carl Friedr. Rich. Mühlmann. Als Firmenvertreter wird Johann Carl Friedr. Vorck genannt. Ein C. Vork, Commis. wird im Adressbuch Plauen für das Jahr 1881 in der Windmühlenstraße 18 geführt. Commis war die Bezeichnung für einen Kontoristen, Handlungsgehilfen oder kaufmännischen Angestellten. Im „Verzeichnis der im Bezirk der Handels- und Gewerbekammer Plauen in die Handelsregister eingetragenen Firmen“ aus dem Jahre 1897 wird F. G.(Gustav) Hoyer als Prokurist aufgeführt. Laut gleichem Verzeichnis aus dem Jahre 1900 ist er nicht mehr Prokurist. Gemäß Handelsregistereintrag vom 15. Juli 1901 schied Carl Friedrich Richard Mühlmann aus dem Unternehmen aus und die Herren Edmund Willy Mühlmann und Richard Max Mühlmann wurden die neuen Inhaber der Firma. Grund des Ausscheidens aus dem Unternehmen war sein Tod am 2. April 1901 in Plauen. Es ist zu vemuten, dass Edmund Willy und Richard Max Mühlmann Söhne von Richard Mühlmann waren. Im Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 28. Juni 1878 wird weiterhin von der Geburt einer Tochter Sidonie berichtet.

 

1901-07-12 HR 445 Mühlmann

Im Jahresbericht des Kaufmännischen Vereins zu Plauen i. V. des Jahres 1901 wird Richard Mühlmann als langjähriges Mitglied gedacht.

Die Leipziger Monatsschrift für Textil-Industrie berichtet in ihrer Ausgabe vom 24. Juli 1901, dass die Fahnenfabrik  Rich. Mühlmann nach dem Tode von Carl Friedrich Richard Mühlmann durch Edwin Willy Mühlmann und Richard Max Mühlmann fortgeführt wird.

Beide Herren werden in den Jahresberichten des Kaufmännischen Vereins zu Plauen i. V. in den Jahren 1902 bis 1904 als Mitglieder geführt. Im Jahre 1905 wird lediglich Max Richard Mühlmann genannt.

 

Ein weiterer Eintrag im Handelsregister vom 19. November 1904 informiert darüber, dass die Gesellschaft (HR Nr. 445) aufgelöst und Richard Max Mühlmann ausgeschieden ist und das Handelsgeschäft von Edmund Willy Mühlmann unter der bisherigen Firma alleine fortgeführt wird. Dies kann ein Hinweis dafür sein, dass die Geschäfte nicht mehr so gut liefen bzw. die Brüder sich uneins betr. der Führung der Geschäfte waren. In diesem Zusammenhang steht eventuell auch der laut Anzeige im Adressbuch von 1903/04 ersichtliche Umzug der Firma in die nicht weit entfernte Gottschaldstraße 16.

Am 12. Juli 1905 wird über das Vermögen von Edmund Willy Mühlmann das Konkursverfahren eröffnet. Das Verfahren wurde nach Abhaltung des Schlusstermins am 30. September 1907 aufgehoben. Gemäß Information des Staatsarchivs Chemnitz wurden die Handelsregisterakte der Fa. Mühlmann im Jahre 1941 kassiert (vernichtet), da sie damals bereits seit über 10 Jahren erloschen war.

 

Laut Anzeigenteil im Adressbuch Plauen 1905/06 hatte Max Mühlmann in der Windmühlenstraße eine eigene Firma gegründet. Auch diese muss nicht lange Bestand gehabt haben.

 

1905-06 Max Mühlmann - Anzeige AB PL

 

Ab dem Adressbuch 1906/07 finden wir neben diversen Einträgen „Mühlmann“ keinen von einem Max bzw. Edmund Mühlmann. Unter der Anschrift Windmühlenstraße 18 wird für einige Jahre die Witwe Louise Mühlmann mit einer Monogrammstickerei in ihrem eigenen Haus geführt.

 

Nach diesen Ausführungen zur Fa. Rich. Mühlmann stellt sich die Frage, warum die Stickereien für Kaiserin und Kaiser laut obigen Artikel nicht in Plauen sondern im oberen Vogtlande gestickt wurden? Dies kann daran gelegen haben, dass die Stickerei-Manufaktur von Richard Mühlmann nur eine begrenzte eigene Stickereikapazität besaß und diverse Aufträge an Lohnsticker ins obere Vogtland vergab. Ohne mit den Stickereifachleuten streiten zu wollen, würden ich behaupten, dass es sich bei den Artikeln für die Kaiserin und den Kaiser um eine Handstickerei gehandelt haben müsste. Für eine Maschinenstickerei wäre der Aufwand für diesen sicherlich einmaligen Auftrag enorm gewesen. Auf der anderen Seite konnte auch in späteren Jahren der Aufwand für Repräsentationszwecke und Ehrengeschenke im Einzellfall nicht groß genug sein. Als mögliche Stickereifirmen im oberen Vogtland fallen mir zu jener Zeit die Adorfer Firmen „Mechanische Stickerei Adorf F. D. Gösmann“ und  „Ch. A. Kolbe“ ein. Da diese beiden Firmen Vorreiter der Maschinenstickerei waren, könnten es auch die Firmen Richard Bammler, A. R. Zenker oder Georg Heinrich Teichmann aus Adorf bzw. die in Markneukirchen und Adorf tätige Fa. Heinr. Ed. Müller gewesen sein.

 

Bammler   Zenker

 

Teichmann   Müller

 

Natürlich könnte es auch einer der hochqualifizierten kleineren Lohnsticker gewesen sein, deren heutige Nachfahren eventuell nicht ahnen, dass ihre Vorfahren einst für das deutsche Kaiserpaar gestickt haben.

Auf den diversen Fotos des Kaisers ist dieser in der Regel hoch zugenöpft in Uniform zu sehen. So konnte bisher nirgens ein Beleg für diese Stickerei aus dem Vogtland gefunden werden. Gleiches trifft für die Suche nach einem Bild der Kaiserin mit der beschriebenen Hemdpasse und dem Taschentuch zu. Wurden die Stickereien aus dem Vogtland jemals getragen? Leider können wir heute weder die Kammerzofe noch den kaiserlichen Kammerherren fragen.

 

Ein Blick in das Adressbuch von Plauen des Jahres 1886 verrät ein interessantes Detail. In der Windmühlenstraße 21 hatte die Fa. Guggenheim Sons ihren Sitz. Die Herren Guggenheim betrieben über Jahre in der Schweiz und in Plauen einen florierenden Stickereihandel. Ich vermute, dass sich die Herren Mühlmann und Guggenheim durch die räumliche Nähe ihrer Geschäftssitze zumindest als Geschäftspartner oder Konkurrent um preiswerte Lohnstickerkapazitäten kannten. Zu Beginn des Jahres 1889 wurde das Unternehmen der Guggenheims im Handelsregister Plauen abgemeldet. Im Amerika hatte man sich mit dem Bergbau und der Metallurgiebranche bereits gewinnbringender und zukunftssicherer Geschäftszweige zugewandt. Wer mehr zu diesem Teil der Plauener Stickereigeschichte wissen möchte, dem empfehle ich den entsprechenden Artikel von Dr. Strobel im Historikus 2/2019.

 

 

An dieser Stelle sollten eigentlich Fotos bzw. Zeichnungen von den beschriebenen Stickereien gezeigt werden. Die Recherche nach ihnen ist mit der allgemein bekannte Suche der Stecknadel im Heuhaufen zu vergleichen und noch nicht abgeschlossen. Die angesprochenen Vertreter der Stickereibranche konnten zu diesem Thema nichts beitragen bzw. hatten an diesem nur ein untergeordnetes Interesse. Noch ist der letzte Stich bzw. Strich nicht vollzogen. Mit Unterstützung von einigen „Forscherkollegen“ wird weiter daran gearbeitet das Rätsel der „Kaiserlichen Stickerei“ aus dem oberen Vogtland zu lösen bzw. zu visualisieren. Schauen Sie also ab und zu mal wieder in diesen Text. Vielleicht könnte er dann schon mit weiteren Informationen ergänzt sein.

 

Weitere Recherchen ergaben, dass vogtländische Stickerei schon viel früher als Ehrengabe an gekrönte Häupter diente. Rudolph Schmidt jun. beschreibt die Übergabe einer solchen Ehrengabe im Oktober des Jahres 1837 an Ihre Majestät der Königin von Sachsen in seinem Plauenschen Jugenderinnerungen aus dem Jahre 1913 wie folgt: „… Nach erfolgtem Rundgang der königlichen Herrschaften wurde schließlich Ihrer Majestät der Königin durch den Bürgermeister der Stadt (Plauen) als deren  Huldigungsgabe und als Probe der vogtländischen Industrie ein gesticktes Kleid, ein dergleichen Oberrock und eine neumodische Pelerine überreicht, welche die Königin huldvoll annahm…“

Die Frage, ob diese Huldigungsgabe von der Königin jemals öffentlich getragen wurde, kann ich nicht beantworten. Interessant an obiger Schilderung finde ich, dass dort von einer Probe vogtländischer und nicht von plauener Industrie gesprochen wird. Das bestätigt, dass ein großer Teil der in Plauen verkauften Stickerei auch damals schon aus vielen Orten des Vogtlandes stammte und auch so kommuniziert wurde.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich in den frühen 1990er Jahren in der Plauener Spitze GmbH einen mit Spitze und Stickereien dekorierten Stubenwagen gesehen haben, der für den Enkel des damaligen Landesvaters bestimmt gewesen sein soll. Ob es sich hierbei um eine sogenannte Huldigungsgabe oder um eine Sonderbestellung der stolzen Großeltern gehandelt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf alle Fälle war auch dieser Stubenwagen eine exelente Probe der vogtländischen Stickereiindustrie.

 

20. April 2021

 

Heute ist es möglich, diesen Text mit weiteren Informationen zu den von der Fa. Mühlmann gefertigten Vereinsfahnen zu ergänzen.

 

Am 4.11.1891 wird berichtet, dass die freie (statutenlose) Vereinigung Kampfgenossen von 1870/71 in Dresden ihre von der Fahnenmanufaktur Richard Mühlmann gefertigte Standarte weihte. Dieses Sammelzeichen kostete 600 Mark und wurde durch freiwillige Beiträge finanziert.

 

Am 23. August 1898 feierte der Königl. Sächs. Militärverein Wolfsgrün mit einem großen Fest seine Fahnenweihe. Auch diese wird als ein hervorragendes Produkt sächsischer Kunststickerei gewürdigt. Diese Fahne wurde dem Verein von Frauen geschenkt. Der sächsische König spendete zur Fahnenweihe eine Schleife in den Landesfarben mit seinem Namenszug und einen Nagel. Weitere Fahnenschleifen, Fahnenringe und Nägel wurden von weiteren Personen und Vereinen gespendet.

 

Am 2. April 1898 fasste der Turnverein Bischofswerda den Beschluss, eine neue Fahne bei der Fa. Richard Mühlmann in Plauen zu bestellen. Die Bestellung erfolgte auf Basis von Entwürfen, die anlässlich eines Turnfestes in Plauen besprochen wurden. Man war sich einig, dass man etwas „Vorzügliches und Geschmackvolles“ erwarten kann.

Anlässlich des XIII. Gauturnfestes im Juli 1898 in Bischofswerda wurde die neue Fahne übergeben und geweiht. Die Fahne wurde wie folgt beschrieben:

 

„Die eine Seite zeigt auf weißem Grunde in rother Fassung das Stadtwappen mit der Aufschrift: Turnverein Bischofswerda 1848-1898. Die andere Seite zeigt die vier F in grünem Eichenkranz, darunter „Gut Heil!“, mit der Umschrift „Einig! Muthig! Kräftig! Treu!.“

 

Diese Fahne ersetzte die bereit 50 Jahre alte Vereinsfahne, eine der ältesten Fahnen eines Turnvereins.

 

 

 

Quelle: „Jubelfeier und Fahnen-Weihe am 9. Juli 1898 im Hotel König  Albert“, Bestand Stadtarchiv Bischofswerda

 

Vom heutigen Turnverein 1848 Bischofswerda wurde mir eine  Darstellung der Fahne und einige weitere Informationen zur Verfügung gestellt. Mit Unterstützung von Dr. Gülzau vom Stadtarchiv Bischofswerda konnte ermittelt werden, dass diese Darstellungen aus einer Festschrift zur Jubelfeier und Fahnenweihe aus dem Jahre 1898 stammt. Von ihm erhielt ich auch obige Kopie der Fahne aus besagter Festschrift für diesen Text. Vielen Dank dafür. Die vier „F“ im Eichenkranz stellen das Turnerkreuz dar und stehen für frisch, fromm, fröhlich und frei. Die weitere Geschichte bzw. der Verbleib der Fahne ist nicht bekannt.

 

Vom 8.-10. Juni 1902 veranstaltete der Sächsische Keglerbund in Oelsnitz i.V. das VI. Sächsische Bundeskegelfest. Beim Festumzug am 8. Juni 1902 in Oelsnitz sollte das am Vortage geweihte und von der Fa. Mühlmann in Plauen gefertigte neue Bundesbanner erstmals mitgeführt werden. Laut aktueller Information des Keglerverbandes Sachsen liegt zu diesem Bundesbanner leider kein entsprechendes Archivmaterial vor.

 

Klaus-Peter Hörr

Juli 2019

Ergänzung März 2020 und Februar/April 2021