Stickereien aus dem Vogtlande für Kaiserin und Kaiser

 

 

Im Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 7. September 1880 findet sich nachfolgender kurzer Artikel betr. einer Stickerei aus dem Vogtland für das deutsche Kaiserpaar.

 

„Aus der Manufactur für Hand- und Maschinenstickereien des Herrn Richard Mühlmann zu Plauen im Vogtlande sind so eben einige für den Kaiser und die Kaiserin bestimmte Kunststickereien hervorgegangen, in welcher sich die vogtländische Kunstarbeit in ihrer höchsten Vollendung zeigt. Für die Kaiserin ward ein Taschentuch und eine Hemdpasse, für den Kaiser ein Hemdeinsatz gefertigt. Der Stoff, welcher zur Verwendung kam, besteht aus dem feinsten Leinenbatist. Der Rand des Taschentuchs bildet eine Kante, abwechselnd Maiblümchen-, Rosen- und Kornblumenbouquets darstellend, unterbrochen durch Ajour-Arbeit. Die Ecke trägt den Namen „Augusta“, von Rosenzweigen durchschlungen. Der Name ruht zunächst auf einem mit schwarz-weiß-rothem Band durchzogen, in Stickerei ausgeführten Spitzenbehang. Ueber dem Namen steht die Kaiserkrone. Die Hemdpasse für die Kaiserein trägt ebenfalls den Namen „Augusta“ und auf dem Bruststück ein Rosenbouquet, aus welchem nach beiden Seiten ein geschlungenes Band läuft, nach rechts mit Lorbeeren und am Ende des Bandes mit Kornblumen abschließend. Ueber dem Namen befindet sich wieder die Kaiserkrone. Der Hemdeinsatz für den Kaiser enthält drei Boutons, zu oberst und unterst ein W, durch welches sich ein Lorbeerzweig windet und über demselben die Kaiserkrone, in der Mitte das deutsche Reichswappen. Obgleich das letztere die verhältnißmäßige Größe zu dem Einsatz hat, so tritt es doch mit bewundernswerther Schärfe hervor. Jede Einzelheit, welche heraldisch vorgeschrieben, ist vollständig deutlich erkennbar. Die Dessins sind von Herrn Mühlmann selbst, die Stickereien im oberen Vogtlande gefertigt.“

 

Wie es zum Auftrag zur Lieferung dieser Stickereierzeugnisse an das Kaiserpaar gekommen ist, ist uns noch nicht bekannt. War es eine direkte Bestellung oder sollte es ein Geschenk gewesen sein?

Die Kornblumen in der Stickerei für die Kaiserin hatten damals eine besondere Bedeutung. Die Kornblume war die Lieblingsblume der preußischen Königin Luise, galt als preußische Blume und als ein besonderes Symbol des Deutschtums.

Das Zentralkomitee des Preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz erklärte 1911 den 16. Juni zum „Kornblumentag“, denn 40 Jahre zuvor, am 16. Juni 1871, kehrten preußische Truppen siegreich aus dem deutsch-französischen Krieg zurück. In Erinnerung daran wurden in den preußischen Städten und Gemeinden eigens für diesen Gedenktag hergestellte Postkarten und Kornblumenanstecker zu Gunsten der Veteranenfürsorge des Roten Kreuzes verkauft.

 

Im „Vogtländischen Anzeiger und Tageblatt“ vom 5. September 1880 finden wir unter Plauen, den 4. September den gleichen Artikel wie zwei Tage später im „Leipziger Tageblatt und Anzeiger“. Er hat aber folgenden interessanten zusätzlichen Schlußsatz:

 

„… Schade, daß die Kunstarbeiten schon heute Nachmittag zur Versendung kommen müssen und so die Unmöglichkeit vorliegt, dieselben auch dem kunstsinnigen Publikum zu zeigen.“

 

Was könnte der Grund für diese eilige Versendung gewesen sein? Der 4. September 1880 war ein Samstag. Sollte die Stickerei ein Geschenk anläßlich des 10. Jahrestages des Sieges in der Schlacht bei Sedan am 2. September 1870 gewesen sein? Wenn das so gewesen ist, war man etwas spät dran und erklärt den eiligen Versand ohne öffentliche Präsentation.

 

 

Zur Firma Richard Mühlmann konnten einige Fakten ermittelt werden.

Im Adressbuch Plauen des Jahres 1870 wird  Richard  Mühlmann als Zeichner in der Neund. Str. A 3 genannt. Seine Berufsbezeichnung Zeichner deckt sich mit der Information im obigen Zeitungsartikel, dass Herr Mühlmann die Dessins für die Stickereien selbst gefertigt hat.

 

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Im Plauener Adressbuch des Jahres 1877/78 finden wir den Eintrag Dessinat. (Dessinateur-Musterzeichner), Stickerei-Fabrik in der Windmühlenstr. 18. Der * vor dem Eintragt bedeutet, dass er der Hausbesitzer war.

 

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Im „Adreßbuch der Kaufleute, Fabrikanten und Gewerbsleute vom Königreich Sachsen“ aus dem Jahre 1878 wird Rich. Mühlmann wie folgt aufgeführt: „Spez.: Devants, Monogrammstickerei und Aussteuergesch.“ Bei der Klärung des Begriffes „Devants“ half mir Jürgen Fritzlar, Geschäftsführer des Pauener Spitzenmuseums. Laut seiner Aussage ist es eine Schürze/Vorhänger zum Bekleidungsschutz und wurde von Köchinnen und Haushaltshilfen in gehobenen Haushalten getragen. Oftmals waren sie reich bestickt.

 

Diese Einträge lassen den Schluss zu, dass Richard Mühlmann in den Jahren 1870-1878 erfolgreich als Musterzeichner tätig war und so eine eigene Stickereifabrik errichten und Eigentümer des Hauses Windmühlenstraße 18 werden konnte.

Im Adressbuch von 1881 finden wir unter der Anschrift Windmühlenstr. 18 C.F.R. Mühlmann Fabrik. Ob C.F.R. Mühlmann identisch ist mit Richard Mühlmann aus dem Adressbucheintrag von 1877/78?

 

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Da in dem u.a. Adressbucheintrag aus dem Jahre 1886  C.F. Rich. als Inhaber der Firma Richard Mühlmann aufgeführt ist, ist zu vermuten, dass Richard Mühlmann der Vater von C.F. Richard Mühlmann war und dieser nicht mehr im Unternehmen tätig gewesen ist.

 

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Schaut man sich die ganzseitigen Anzeigen der Fa. Mühlmann in den Adressbüchern von Plauen ab dem Jahre 1890/91 an, kann man sehen, dass es sich bei diesem Unternehmen um eine Stickerei-Manufaktur und Zeichen-Atelier gehandelt hat. Im Jahre 1890 war die Handstickerei für Wäsche ihre Spezialität. Ein Jahr später wird umfangreich auf das Fahnensortiment inkl. Zubehör hingewiesen.

 

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Im der Ausgabe von 1898/99 erscheint die Geschäftsanzeige im neuen Design. Die Größe und Regelmäßigkeit der Anzeigen lassen darauf schließen, dass das Unternehmen über Jahre erfolgreich am Markt tätig gewesen sein muss.

 

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Im „Verzeichniss der im Königreich Sachsen in die Handelsregister eingetragenen Firmen“ aus dem Jahre 1883 wird die Fa. Rich. Mühlmann, Weisswaarenfab. unter der Handelsregisternummer Plauen 445 geführt. Eigentümer war damals Carl Friedr. Rich. Mühlmann. Als Firmenvertreter wird Johann Carl Friedr. Vorck genannt. Ein C. Vork, Commis. wird im Adressbuch Plauen für das Jahr 1881 in der Windmühlenstraße 18 geführt. Commis war die Bezeichnung für einen Kontoristen, Handlungsgehilfen oder kaufmännischen Angestellten. Im „Verzeichnis der im Bezirk der Handels- und Gewerbekammer Plauen in die Handelsregister eingetragenen Firmen“ aus dem Jahre 1897 wird F. G.(Gustav) Hoyer als Prokurist aufgeführt. Laut gleichem Verzeichnis aus dem Jahre 1900 ist er nicht mehr Prokurist. Gemäß Handelsregistereintrag vom 15. Juli 1901 schied Carl Friedrich Richard Mühlmann aus dem Unternehmen aus und die Herren Edmund Willy Mühlmann und Richard Max Mühlmann wurden die neuen Inhaber der Firma.

 

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Ein weiterer Eintrag vom 19. November 1904 informiert darüber, dass die Gesellschaft (HR Nr. 445) aufgelöst und Richard Max Mühlmann ausgeschieden ist und das Handelsgeschäft von Edmund Willy Mühlmann unter der bisherigen Firma alleine fortgeführt wird. Dies kann ein Hinweis dafür sein, dass die Geschäfte nicht mehr so gut liefen bzw. die Brüder sich uneins betr. der Führung der Geschäfte waren. In diesem Zusammenhang steht eventuell auch der laut Anzeige im Adressbuch von 1903/04 ersichtliche Umzug der Firma in die nicht weit entfernte Gottschaldstraße 16.

Am 12. Juli 1905 wird über das Vermögen von Edmund Willy Mühlmann das Konkursverfahren eröffnet. Das Verfahren wurde nach Abhaltung des Schlusstermins am 30. September 1907 aufgehoben. Gemäß Information des Staatsarchivs Chemnitz wurden die Handelsregisterakte der Fa. Mühlmann im Jahre 1941 kassiert (vernichtet), da sie damals bereits seit über 10 Jahren erloschen war.

 

Laut Anzeigenteil im Adressbuch Plauen 1905/06 hatte Max Mühlmann in der Windmühlenstraße eine eigene Firma gegründet. Auch diese muss nicht lange Bestand gehabt haben.

 

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Ab dem Adressbuch 1906/07 finden wir neben diversen Einträgen „Mühlmann“ keinen von einem Max bzw. Edmund Mühlmann. Unter der Anschrift Windmühlenstraße 18 wird für einige Jahre die Witwe Louise Mühlmann mit einer Monogrammstickerei in ihrem eigenen Haus geführt.

 

Nach diesen Ausführungen zur Fa. Rich. Mühlmann stellt sich die Frage, warum die Stickereien für Kaiserin und Kaiser laut obigen Artikel nicht in Plauen sondern im oberen Vogtlande gestickt wurden? Dies kann daran gelegen haben, dass die Stickerei-Manufaktur von Richard Mühlmann nur eine begrenzte eigene Stickereikapazität besaß und diverse Aufträge an Lohnsticker ins obere Vogtland vergab. Ohne mit den Stickereifachleuten streiten zu wollen, würden ich behaupten, dass es sich bei den Artikeln für die Kaiserin und den Kaiser um eine Handstickerei gehandelt haben müsste. Für eine Maschinenstickerei wäre der Aufwand für diesen sicherlich einmaligen Auftrag enorm gewesen. Auf der anderen Seite konnte auch in späteren Jahren der Aufwand für Repräsentationszwecke und Ehrengeschenke im Einzellfall nicht groß genug sein. Als mögliche Stickereifirmen im oberen Vogtland fallen mir zu jener Zeit die Adorfer Firmen „Mechanische Stickerei Adorf F. D. Gösmann“ und  „Ch. A. Kolbe“ ein. Da diese beiden Firmen Vorreiter der Maschinenstickerei waren, könnten es auch die Firmen Richard Bammler, A. R. Zenker oder Georg Heinrich Teichmann aus Adorf bzw. die in Markneukirchen und Adorf tätige Fa. Heinr. Ed. Müller gewesen sein.

 

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Natürlich könnte es auch einer der hochqualifizierten kleineren Lohnsticker gewesen sein, deren heutige Nachfahren eventuell nicht ahnen, dass ihre Vorfahren einst für das deutsche Kaiserpaar gestickt haben.

Auf den diversen Fotos des Kaisers ist dieser in der Regel hoch zugenöpft in Uniform zu sehen. So konnte bisher nirgens ein Beleg für diese Stickerei aus dem Vogtland gefunden werden. Gleiches trifft für die Suche nach einem Bild der Kaiserin mit der beschriebenen Hemdpasse und dem Taschentuch zu. Wurden die Stickereien aus dem Vogtland jemals getragen? Leider können wir heute weder die Kammerzofe noch den kaiserlichen Kammerherren fragen.

 

An dieser Stelle sollten eigentlich Fotos bzw. Zeichnungen von den beschriebenen Stickereien gezeigt werden. Die Recherche nach ihnen ist mit der allgemein bekannte Suche der Stecknadel im Heuhaufen zu vergleichen und noch nicht abgeschlossen. Die angesprochenen Vertreter der Stickereibranche konnten zu diesem Thema nichts beitragen bzw. hatten an diesem nur ein untergeordnetes Interesse. Noch ist der letzte Stich bzw. Strich nicht vollzogen. Mit Unterstützung von einigen „Forscherkollegen“ wird weiter daran gearbeitet das Rätsel der „Kaiserlichen Stickerei“ aus dem oberen Vogtland zu lösen bzw. zu visualisieren. Schauen Sie also ab und zu mal wieder in diesen Text. Vielleicht könnte er dann schon mit weiteren Informationen ergänzt sein.

 

Klaus-Peter Hörr

Juni 2019