Firma Hermann Schmidt/ Adorf i. Vogtl.

Fabrikation von Reiseandenken und Geschenkartikeln

(Fa. Oscar Täumer Nachf.)

 

Herr Dieter Reinhold, ein Vogtländer in Berlin, stellte mir nachfolgende Abhandlung über die Firma Hermann Schmidt aus Adorf zur Verfügung. Nachdem er die in Eile erworbene Postkarte in Ruhe betrachtete, stellte er fest, dass er eigentlich einen „Fehlkauf“ getätigt hat. Sein Ziel war der Erwerb einer Karte von einer anderen Firma mit ähnlichem Namen. Da war nun nichts mehr zu ändern. Zum Glück für uns, fragte er sich, wer denn nun die Firma Hermann Schmidt in Adorf war. Das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen können wir nachfolgend lesen.

 

Miszelle zu einer Firmenpostkarte der Firma Hermann Schmidt in Adorf i.V.

 

In Adorf i.V. gab es bekanntnermaßen eine Reihe von Firmen, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt waren. Ausgehend von einer Firmenpostkarte der Fa. Hermann Schmidt, Fabrikation von Reiseandenken und Geschenkartikeln, möchte ich Handelsbeziehungen einer Adorfer Firma im Jahre 1934 aufzeigen und zum weiteren Forschen anregen.

 

Firmenpostkarte (Vorderseite) vom 01.02.1934 der Fa. Hermann Schmidt

Foto: „Sammlung historischer Wertpapiere aus Plauen und dem Vogtland“ Dieter Reinhold Plauen i.V./Berlin

 

Was gibt uns diese Firmenkarte nach 87 Jahren preis?

 

Nähern wir uns dem „Geheimnissen„ der Karte, so ist wohl zuerst der Zweck klärbar.

 

Damals gab es einerseits Handlungsgehilfen, die damit betraut waren, außerhalb des Betriebs des Unternehmers Geschäfte in dessen Namen abzuschließen. Der festangestellte Handlungsreisende hatte nicht die Möglichkeit seine Tätigkeit frei zu gestalten und seine Arbeitszeit selbst zu bestimmen und einzuteilen.

 

Andererseits bediente man sich Handelsvertretern, die nicht fest angestellt waren und die ihre Tätigkeit im Wesentlichen frei gestalteten und ihre Arbeitszeit selbst bestimmten.

 

Die Aufgabe dieser Handlungsreisenden bestand darin, Geschäfte für den Unternehmer zu vermitteln und auch abzuschließen. Wie das Vertragsverhältnis und die Befugnisse in unserem Fall konkret waren, lassen sich anhand der Karte nicht vollständig klären.

 

 

Der Absender der Karte ist ein Unternehmer aus Adorf i.V. Schlägt man im „Adressbuch des oberen Vogtlandes umfassend die Städte Oelsnitz i. V., Adorf, Klingenthal, Markneukirchen, Schöneck sowie die Mineralbäder Bad Elster, Radiumbad Brambach und sämtliche 78 Landgemeinden der Amtshauptmannschaft Oelsnitz“, Erscheinungsjahr 1925, nach, so findet man auf der S. 41 folgenden Eintrag:

 

 

 

Ebenda auf S.507

 

 

Im Adressbuch des Jahrgangs 1942 findet sich dieser Eintrag auf S. 172

 

 

Die Karte ist an Erich Wehrmann aus Adorf/Vogtl. gerichtet, der sich offenbar auf Reisen befand und den diese Karte in Gera erreichen sollte. Nach heutigem Verständnis bietet der Service der Post "Postlagernd" die Möglichkeit, sich Briefsendungen an ausgewählte Filialen senden zu lassen. Die Briefsendungen werden dann 7 Werktage zur Abholung bereitgehalten. Damals wird es nicht anders gewesen sein. Angaben zu Herrn Wehrmann konnte ich nicht sicher verifizieren.

Im „Adressbuch des oberen Vogtlandes umfassend die Städte Oelsnitz i. V., Adorf, Klingenthal, Markneukirchen, Schöneck sowie die Mineralbäder Bad Elster, Radiumbad Brambach und sämtliche 78 Landgemeinden der Amtshauptmannschaft Oelsnitz, Ausgabe 1942“ ist folgender Eintrag nachzulesen:

 

 

Vielleicht war es 1942 Herrn Wehrmann leid, ständig durch Sachsen zu reisen. Vielleicht hat der Krieg ihm auch seine Geschäftsgrundlage entzogen. Ohne weitere Belege ist das alles aber nur Spekulation.

 

Schauen wir also auf die Rückseite der Karte, die uns zeigt, dass Herr Schmidt einige Fragen an seinen Reisenden hatte und ihm eine Reihe von Aufgaben erteilte.

 

Firmenpostkarte(Rückseite) vom 01.02.1934 der Fa. Hermann Schmidt

Foto:“ Sammlung historischer Wertpapiere aus Plauen und dem Vogtland“ Dieter Reinhold Plauen i.V./Berlin

 

Der Text auf der Rückseite zeigt, dass Herr Wehrmann wohl schon 8 Aufträge für die Firma vereinbaren konnte. Offenbar stellte die Firma Schmidt Blumenstäbe her, die aber wohl nicht das Interesse der Kunden fanden.

 

Im Ergebnis der Suche nach diesen Firmen in Adressbüchern der damaligen Zeit (soweit sie mir als Digitalisate vorlagen) konnte ich die folgenden Angaben zusammentragen:

 

Auf Handelsplattformen für historische Ansichtskarten werden solche von den Verlagen für Ansichtskarten Rud. Ringhäuser (Bad Köstritz, 1932), Karl Förster (Papier- u. Schreibwaren Ronneburg; 1944) und Martin Löser (Gößnitz) angeboten.

 

Im „Adressbuch für die Stadt Crimmitschau und sämtliche Ortschaften im Amtsgerichtsbezirk Crimmitschau, ferner für die Gemeinde Waldsachsen und die Altenburgischen Gemeinden Mannichswalde, Schönhaide, Thonhausen und Wettelswalde“, Erscheinungsjahr 1925, findet man folgendes:

 

Firma Otto Oertel

 

 

Fima Karl Reinhold

 

 

 

Firma Ed. Vogels Nachf.

 

 

 

Firma Emil Zeuner

 

 

Interessant ist hier die Bezeichnung „Reißereibesitzer“. Zu den ältesten Verfahren, Stoffkreisläufe zu schließen, gehört das Textilrecycling. Schon im alten China wurden Lumpen für die Papierherstellung eingesetzt. (Vgl. hierzu: https://www.bvse.de/themen/geschichte-des-textilrecycling.html)

 

In der Gesamtschau der Firmen, die Wehrmann aufsuchen musste, passt diese Firma also in das Besuchsprogramm. Was nun Schmidt an Zeuner verkaufte ist aber nicht ermittelbar.

 

Im „Adreßbuch der Fabrikstadt Werdau mit den Vororten Leubnitz, Steinpleis, Ruppertsgrün, Langenhessen, Langenbernsdorf und Fraureuth“, Jahrgang 1937, findet man die 

 

Fa. Bimmler, Werdau

 

 

Die Karte trägt die eigenhändige Unterschrift von Hermann Schmidt. Das lässt auch den Schluss zu, dass er den Text der Karte selbst korrigierte und die Reihenfolge der zu besuchenden Firmen festlegte. Dies lässt eher vermuten, dass Herr Wehrmann ein festangestellter Reisender war.

 

Um einen Einblick in die damaligen Arbeitsbedingungen für Außendienstmitarbeiter zu haben, wäre es interessant zu wissen, welchen Weg Herr Wehrmann zurückzulegen hatte. Eine zeitliche Vorgabe ist auf der Karte nicht enthalten. Es ist kaum anzunehmen, dass Herr Wehrmann mit einem PKW unterwegs war. Seinen Weg mit der Eisenbahn zu verfolgen, ist nicht mehr so einfach zu rekonstruieren. Nimmt man dann doch der Einfachheit halber die heute vorhandenen Straßenverbindungen zur Grundlage, so käme man immerhin auf die stattliche Strecke von 280 km (dazu kämen dann noch die Fahrten zu den erwähnten Aufträgen 1 -8).

 

Dieter Reinhold

Berlin

 

Bemerkenswert, was Herr Reinhold so alles aus einer einzigen historischen Postkarte herausgelesen konnte und als Ausgangspunkt für weitere Recherchen genutzt hat.

 

Was mir auffällt, sind die Kunden, die der Außendienst noch besuchen sollte. Es sind vier Firmen aus dem Bereich Druckerei/Buchbinderei vertreten. Was wurde ihnen angeboten? Es werden doch nicht Blumenstäbe gewesen sein. Oder wurden diese dort artfremd eingesetzt?

 

Auf alle Fälle war mit Blumenstäben kein Blumentopf zu gewinnen. Ein Eintrag ins Musterregister beim Amtsgerichts Adorf vom 4. Juni 1935 beschreibt folgenden Eintrag, der nach meiner Auffassung erfolgversprechender war.

 

„Nr. 318. Firma Hermann Schmidt in Adorf i. Vogtl., ein Advents-Kranz-Ständer aus Holz, verschiedenfarbig lackiert, in mehreren Größen. Der Musterschutz soll sich in der Hauptsache auf die Aufhängeart des Kranzes erstrecken. Am oberen Ende des Ständers sind Einschnitte zum Einhängen des Kranzes, und den Abschluß bildet ein mehrzackiger Stern. Das obere Ende des Ständers in anderer Form mit den Einschnitten herzustellen behält sich der Urheber vor. Schutzfrist drei Jahre, angemeldet 4. Juni 1935, vormittags 8 Uhr 30 Minuten.“

 

Das scheint mir eher ein Produkt für eine Holzwarenfabrik zu sein. Ob ein solcher Ständer noch in dem einen oder anderen Haushalt in Adorf zum Einsatz kommt?

Gab es von der Fa. Schmidt auch Holzbausteine, Holzzüge oder auch ein großes Stollenbrett? Gerne würde ich diesen Tex mit Fotos solcher Artikel ergänzen wollen.

 

Peter Jacob machte mich darauf aufmerksam, dass es bei Hermann Schmidt eine Beziehung zur Fa. Oscar Täumer gibt. Da hat er vollkommen recht.

Am 19. Juni 1932 brachte der Adorfer Grenzbote folgenden Artikel anlässlich des 50jährigen Firmenjubiläums der Fa. Oscar Täumer:

 

„Am morgigen Sonntag erfüllt sich ein halbes Jahrhundert, seitdem der verstorbene Zinngießermeister Oscar Täumer sein Geschäft, verbunden mit Glas- und Porzellanwarenhandlung, eröffnet hat. Es war am 19. Juni des Jahres 1882, als er im Hause Ecke Langestraße und Hohestraße, in dem jetzt Herr Bäckermeister Max Krauß sein Geschäft betreibt, die Zinngießerei eröffnete und sich durch sein Können bald einen umfänglichen Kundenkreis geschaffen hatte, der weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus reichte. Später erfolgte eine Verlegung des Täumerschen Geschäfts in das Geipelsche Haus, Ecke Lange- und Mittelstraße, und im Jahre 1891 kaufte Herr Täumer das Haus in der Mittelstraße, in dem jetzt noch das in Stadt und Land wohlbekannte, solide Ladengeschäft betrieben wird. Herrn Täumer deckt schon viele Jahre die Erde; seine Gattin aber hoffte, den morgigen Tag erleben zu dürfen. Das Schicksal hat sie die Freude nicht erleben lassen; vor vier Wochen pochte der unerbittliche Allbezwinger bei ihr an; einen Monat zu früh. Nunmehr führen der Schwiegersohn Herr Hermann Schmidt und seine Gattin das Geschäft weiter unter der Firma Oscar Täumer Nachfolger. Am morgigen Jubiläumstage werden den Inhabern zahlreiche Gratulationen dargebracht werden, und auch wir versäumen nicht, den jetzigen Besitzern des alten angesehenen Geschäfts die besten Wünsche für eine glückliche Zukunft entgegenzubringen.“

 

Dieser Artikel lässt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Fa. Oscar Täumer Nachf. und der Holzwarenfabrik von Hermann Schmidt im Adressbuch offen. Im Adressbuch von 1925 werden die Witwe Täumer und Hermamann Schmit unter der gleich Anschrift aufgeführt. Gleiches trifft für die Firmen Oscar Täumer Nachf. und die Holzwarenfabrikation im Adressbuch von 1942 zu.

Hatte Hermann Schmidt eventuell zwei Gewerbe?

 

Einen Hinweis zur Thematik Holzwarenfabrikation liefern weitere historische Postkarten.

Im Februar und April 1935 bestellt die Fa. Kühnert & Co. G.m.b.H. aus Berlin bei Herm. Schmidt

einzelne farbige Ringteile bzw. 10 Satz 3tlg. bt. Geb.-Ringe mit Blumendekor zum Preis vom 1,05/Satz abzüglich 20% Rabatt. Ich könnte mir vorstelen, dass es sich hierbei um bunte Ringe handelte, in die in passender Anzahl die Geburtstagskerzen eingesteckt wurden. Diese nahm man, wenn die Geburtstagstorte veruglückte und für die Aufnahme der Geburtstagskerzen nicht zur Verfügung stand.

Die Fa. Kühnert & Co. G.m.b.H. war laut Handelsregistereintrag ein Handelsunternehmen für die Herstellung und den Vertrieb von Christbaumschmuck und verwandter Gewerbe. Es ist zu vermuten, dass Herm. Schmidt an diese Firma zur Weihnachtszeit auch seinen Advents-Kranz-Ständer lieferte.

 

Die Holzwaren-Fabrik Max Oehme aus Börnischen im Erzgebirge informierte die Fa. O. Täumer im Juli 1938 darüber, dass sie keine Kuchendeckel mehr liefern kann, da das gute, starke Holz fast nicht mehr zu haben ist. Stand es in Adorf schon länger für eine Eigenproduktion nicht mehr zur Verfügung?

Die Kuchendeckel belegen eindeutig, dass nicht nur in Parlamenten und an Stammtischen kontrovers über die wichtigen Themen dieser Welt diskutiert werden. Ich fragte die Teilnehmer eines Damenkränzchens nach dem Erzeugnis „Kuchendeckel“. Nach einer längeren Diskussion waren die Wangen rot, der Kaffee kalt und die Buttereiche auf der Kristallplatte unter der Kuchenglocke unberührt. Auch eine Nachfrage bei der Bäckerinnung konnte nicht klären, woher die Bezeichnung „Kuchendeckel“ stammt.

 

Die Fa. Oscar Täumer Nachf. überstand den zweiten Weltkrieg und wird im Sächsischen Landesadressbuch von 1948 unter gleicher Firmierung bereits wieder genannt. Laut einer Anzeige aus dem Jahre 1968 hat sich spätestens zu diesem Zeitpunkt ein weiterer Generationswechsel vollzogen. Hier wird als Inhaber Helmut Schmidt-Dittrich genannt.

Ich kenne noch die Aussage von meiner Frau und auch der Schwiegermutter, dass man zum „Täumer“ gehen müsse,  wenn etwas besonderes für den Haushalt oder ein Geschenk benötigt wurde.

 

Vielen Dank an Herrn Reinhold für den interessanten Text und den weiteren Recherchen. Vielleicht gibt es ja auch einmal einen ähnlichen Text zur Fa. F. A. Schmidt aus Adorf auf Basis eines historischen Dokuments.

 

Klaus-Peter Hörr

März 2021