Tischlerei Voit Adorf i.V.

-Wo gehobelt wird da fallen Späne-

 

Hatte man im Jahre 1896 ein hölzernes Problem, konnte man auf die geballte Kompetenz von 32 Tischlereien, 2 Bauartikelhandlungen, drei Böttcher, zwei Holzhandlungen und zwei Stellmacher zurückgreifen. Bei ca. 5.000 Einwohnern kam damit ein Tischler auf 156 Einwohner bzw. auf ca. 35  Familien.

 

 

Adressbuch Adorf 1896

 

Einer von Ihnen war der Tischler Friedrich Voit in der Bergstraße 1, früher Markt 5 und heute Reinhold-Becker Straße 4. (Reisebüro Engel)

 

             

                   Adressbuch Adorf  1896                               4. Dez. 1897  Adorfer Grenzbote

 

Laut Brandkatasterverzeichnis wurde das abgebrannte Haus Markt 5 1865 neu errichtet und gehörte laut Landtagswahlliste mindestens seit 1883 gemeinsam Tischler Friedrich Wilhelm Voit und Bäcker Erdmann Paulus. Sie sollen es von einem zerstrittenen Brüderpaar erworben haben. Diese könnten Erben von Gerbermeister Adam Gottlieb Schopper gewesen sein.

Laut den alten Gewerbeanmeldungsunterlagen von Adorf  hatte Friedrich Wilhelm Voit sein Tischlereigewerbe bereits am 3. Februar 1863 im Alter von 26 ¾  Jahren angemeldet. Als Anschrift wird die Brandkatasternummer 172/173 aufgeführt. Das müsste ein Haus in der heutigen Langen Straße gewesen sein. Dieser 3. Februar 1863 stimmt mit dem Hinweis in den Wählerlisten zur Stadtverordnetenversammlung von 1897 überein. Hier ist vermerkt, dass er wahlberechtigt ist, weil er seit 3. Februar 1863 Bürger von Adorf ist. Bürger war damals nicht mit Einwohner gleichzusetzen und an der Erfüllung von bestimmten Voraussetzungen gebunden.

Friedrich (Wilhelm) Voit wurde 1836 in Adorf als Sohn eines Bürgers und Webermeister geboren.

 

Die Geschäftsanzeigen von 1896/97 lassen vermuten, dass Friedrich Wilhelm Voit identisch mit Fritz Voit ist. Gleichfalls zeigen sie, dass er sein Gewerbe sehr breit aufgestellt hat. Er betrieb eine Bau- und Möbeltischlerei und handelt gleichfalls mit verschiedenen Sortimenten, die er nicht selbst herstellte. Seine Nachkommen erinnern sich, dass Friedrich Wilhelm Voit eine eigene Rezeptur für die Herstellung von Spiegeln besessen haben soll,  die von ihm leider nicht an seinen Sohn weitergegeben wurde. Er war neben den Tischlern Riedel und Spengler auch am Schulneubau in Adorf beteiligt. Hier kamen seine selber hergestellten Spiegel sicherlich weniger zum Einsatz.

Die Tischlerei hat sich im Hinterhof auf der Stadtmauer befunden. Diese hatte einen sogenannten Spänekeller, in den die Holzspäne und kleine Holzstücke aus der Werkstatt fielen. Über der Werkstatt gab es noch eine Wohnung. Das Holzlager war im Hinterhof vor der Werkstatt. Im Vorderhaus war das Lager und der Laden untergebracht(heute Reisebüro Engel).

 

Nach dem Tod von Friedrich Wilhelm Voit im Jahre 1904 übernahm Sohn Hans Max Voit, der gleichfalls die Meisterprüfung abgelegt hat, das Unternehmen. Seine Gewerbeanmeldung datiert vom 24. September 1904.

 

                 

 

                     Handwerkskarte  Hans Max Voit,               ca. 1916 Fritz Voit mit Mutter und Schwester

                                                                                              Sammlung Wolfgang und Ute Voit

 

           

Martha und Max Voit ca. 1943/44

Sammlung Heidrun Schilling

 

Auch 1904 belegt eine Geschäftsanzeige, dass Tischlermeister Voit mit seinem Sortiment weiterhin breit aufgestellt war.

 

Die Tischler waren, wie so viele Gewerke auch, über viele Jahrzehnte in Innungen organisiert. Ihr Adorfer Vorsitzender war im Jahre 1896 Obermeister Wilhelm Krippner. Er war ein alteingesessener Bürger der Stadt Adorf. 1906 beging er sein 50jähriges Bürgerjubiläum.

 

      

 

Zur Innungsversammlung in die „Staffel“ hatte Tischler Voit einen kurzen Weg.

Im Juli 1914 beschäftigte sich die Innung mit der Wahl des Gesellenprüfungsausschusses. Drei Jahre später ging es um die Beschaffung und Verteilung von Leim. Auch dieser unterlag wie viele anderen Waren der Kriegsbewirtschaftung.

 

1. Mai 1933, Sammlung Gottfried Trautloff

 

Am 1. Mai 1933 traf sich ein großer Teil der Tischlerinnung zum Festumzug auf einem geschmückten Wagen mit Innungszeichen und diversen Erzeugnissen des Tischlerhandwerks. Wer erkennt noch einzelne Personen? Wo wurde die Aufnahme gemacht? Im Hintergrund erkennt man den Adorfer Bahnhof.

 

Das Foto unten zeigt das gemeinsam von Bäcker Walter Dorst und Max Voit genutzte Haus. Auf dem linken Firmenschild lesen wir „Möbel und Spiegellager Max Voit“.  Ob die beiden Gewerke immer harmonisch nebeneinander gearbeitet haben? Verträgt sich der Duft einer Brot-, Weiß- und Feinbäckerei mit dem Duft von Leim, Lack und Beize? Es sieht so aus, als ob beide Hauseigentümer die gleiche Haustür für ihre Materiallieferungen benutzen mussten. Ob da manchmal ein Mehlsack oder zwei Balken dem anderen im Wege lagen? Die Nachfahren von Tischler Voit berichten, dass das Verhältnis zwischen Tischlerei und Bäckerei nicht immer einfach war.  Frisch gewaschene weiße Bäckerwäsche auf der Leine und der Transport des Holzes in die Werkstatt vertrugen sich nicht immer. Nach Kriegsende 1945 wurden Gewerberäume zeitweise auch als dringend benötigte Wohnräume genutzt.

 

 

Sammlung Ulla Dorst                                        Petra Kaiser 2017

 

Der Familientradition folgend erlernte sein im Jahre 1909 geborener Sohn Wilhelm Fritz gleichfalls das Tischlerhandwerk und legte die Meisterprüfung ab.

Von den Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges kehrte er 1942 nur mit einem Arm zurück. Für einen Tischler eine sehr schwere Hypothek. Im Alter von 50 Jahren gab er 1959 sein Gewerbe auf.

 

Ein Blick auf das umfangreiche Handwerkszeug der Tischlerei Voit lässt so manches Handwerkerherz höher schlagen. Andere fragen verwundert nach den genauen Bezeichnungen, der Handhabung und des Anwendungszwecks. So manches der nachfolgenden Werkzeuge stammt aus der Zeit um 1870. Schauen Sie selber, womit damals Mobiliar gefertigt wurde, für welches heute zum Teil sehr viel Geld bezahlt wird. Gute Handarbeit verbunden mit hochwertigem Holz hat seinen Preis.

 

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12 Werkzeugfotos Petra Kaiser/Kristina Becker

 

Ein Blick in das Onlinesortiment einiger Baumärkte bestätigt die Vermutung, dass es heute mehr elektrische Hobelwerkzeuge bzw. Hobelmaschinen gibt als reines Handwerkszeug.

Kennen Sie die Namen und den Verwendungszweck der abgebildeten Tischlerwerkzeuge? Schreiben Sie es uns unter Angabe der rechts neben den Bildern angegebenen Nummern.

Seit 1993 befindet sich im ehemaligen Lager und Ausstellungsraum der Tischlerei Voit eine modern ausgestattete Niederlassung des Reisebüros Petra Engel. Hier werden Sie vom Montag bis Samstag kompetent von Frau Petra Kaiser in allen Fragen betreffs Reisen rund um den Globus beraten.

Mehr Informationen finden Sie unter http://www.reisebuero-engel.de/

 

 

Fotos Petra Kaiser

 

Ich möchte mich bei Ute und Wolfgang Voit für die Informationen zur Firmengeschichte und den zur Verfüg gestellten Werkzeug und Fotos bedanken. Ein Dank auch an Frau Heidrun Schilling aus Berlin für ihre Informationen sowie an Herrn Jürgen Sonntag für die uneigennützige Überlassung seines Ateliers für die Fotoaufnahmen.

 

Klaus-Peter Hörr

November 2017 / März 2018