Warum der Adorfer ein „Lobel“ ist

 

 

In den letzten Monaten bin ich mehrfach der Frage nachgegangen, warum der Adorfer auch als „Lobel“ bezeichnet wird. Die Frage, seit wann dies so ist, war schnell geklärt. Fast jeder Gefragte bestätigte, dass der Adorfer schon immer bzw. fast immer ein „Lobel“ war oder als ein solcher bezeichnet wurde. Was bedeutet bzw. worauf basiert aber nun die Bezeichnung „Lobel“? Bei einem beharrlichen Nachfragen kam öfter der Hinweis, dass dies etwas mit der Sprache/dem Dialekt zu tun haben könnte. Der eine oder andere erinnerte sich noch gut an die Aufforderung von Eltern oder Großeltern doch nicht so zu „lobeln“. Da könnte man annehmen, dass hier eine Adorfer Mundart gemeint war bzw. gemeint ist.

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass wir den Ursprung dieser Bezeichnung in der Zeit ab ca. 1750 zu suchen haben.

 

In einem bisher nicht datierbaren Zeitungsartikel mit dem Titel „Aus der Napoleonischen Zeit von 1812 – Lobel (Gottlob) Krätzsch, ein Soldat in Napoleons Heereszug nach Rußland 1812“ -  von H. Schiller wird über den aus Lauterbach bei Oelsnitz i.V. stammenden und am 25. Dezember 1871 beerdigten Christian Gottlob Krätzsch („Krötzschen-Lobel“) berichtet. Hier wurde explizit vermerkt, dass es sich beim „Krötzschen-Lobel“ um eine mundartliche Namensbezeichnung handelt.

 

 

Schiller kannte den Lobel persönlich. Er schreibt: „Ich habe ihn als Jungen von 8 Jahren noch gekannt, den Lauterbacher, der im großen Heere Napoleons den Zug nach Rußland mitgemacht als 19- oder 20jähriger in einem Regimente seiner Garden, der die Nöte des traurigen Rückzuges mit erlebte und nicht erfror, der über die Beresina mit Not entkommen ist und nicht in ihren Eiswellen versank, der für einen hohen General in Gumbinnen um Quartier bettelte.

Ich will aber so berichten und darstellen, wie er es meinem Vater manchmal erzählt hat, und was ich noch weiß…“

Da der besagte Lobel, der mit Napoleon nach Russland zog, ein Bürger aus Lauterbach bei Oelsnitz war, kann er persönlich kaum als der Namensgeber für die Adorfer gelten. Es sei denn, dass es damals eine vogtlandweite gebräuchliche Kurzform des Vornamens Gottlob war. Standesbeamte und auch Familienforscher wissen, dass es zu jeder Zeit eine Häufung von einzelnen Vornamen gab und gibt. Hätten die Adorfer nach dieser Theorie auch als Liebel oder Friedel bezeichnet werden können? Vor vielen Jahrzehnten waren die Vornamen Gottlob, Gottlieb oder auch Gottfried sehr gebräuchlich. Auch wenn die Adressbücher von 1896/1904/1925 nicht so richtig vergleichbar sind[1], sollte klar sein, warum der Adorfer ein Lobel und kein Friedel oder Liebel ist. 1896 finden sich dort mindestens 18 Einträge für Gottlob und nur 2 für Gottlieb. 1904 sind mindestens 42 x Gottlob bei nur 13 x Gottlieb und 6 x Gottfried verzeichnet, dafür aber auch 2 x Gotthilf und Gotthardt sowie 1x Gottreich. 1925 wird es dann schon recht übersichtlich bei nur einem aufgeführten Vornamen. Gottlob und Gottlieb sind je 2 x vertreten und Gottfried 3 x.

Zu Goethes Zeiten sah das ganz anders aus. In seinem Buch „Urahnenland“[2] beschreibt Franz Blanckmeister das Vorkommen des Namens Lobel in Adorf  im Zusammenhang mit einer sehr interessanten Beschreibung vom Besuch Goethes 1795 in Adorf wie folgt: „ Jeder dritte Mann hieß Lobel, und um alle diese zahlreichen Lobel zu unterscheiden, setzte man fein ordentlich die Straße, in der jeder wohnte, vor seinen Namen; so gab es einen Sandlobel und einen Torlobel, einen Pfortenlobel  und einen Storchengaßlobel, sogar einen Schießhauslobel und einen Rotenturmlobel, einen Döderweinbachlobel und einen Böckelberglobel.“

 

Im Adorfer Standesamt ist seit der ab 2009 digitalisierten Erfassung der Daten kein Gottlob/Gottlieb/Gottfried mehr verzeichnet. Man kann sich auch nicht an die letzte Vergabe eines dieser Namen erinnern. Das wird dann schon etwas länger her sein. Also wäre es mehr als verständlich, wenn es etwas in Vergessenheit geraten ist, dass früher eventuell kurz und bündig aus Zimmermann Gottlob Fischbach der Fischbach Lobel geworden ist. Das soll heute nicht anders sein. Aus der Charlotte wird selbst im engsten Familienkreis schnell die Lotte und aus dem Maximilian der Max.

Nicht nur in Adorf war der Name Lobel in längst vergangenen Zeiten ein gebräuchlicher Vorname. Bei einem Blick in die Liste der Hausbesitzer von Markneukirchen aus dem Jahre 1812 finden wir 12 Hausbesitzer mit dem Vornamen Lobel. Die vertretene These von einer Verbindung der Bezeichnung „Lobel“ mit dem Namen Gottlob wird auch durch einen Artikel im Adorfer Wochenblatt vom 15.10.1835 gestützt. Hier heißt es: „Wer wird denn den Friedel strafen, wenn der Liebel  dem Lobel eine Ohrfeige gegeben hat?“ Deutlicher kann eigentlich der Zusammenhang nicht dargestellt werden. Dies schließt nicht aus, dass der „Lobel“ auch mal kräftig „gelobelt“ hat.

Wie wird eigentlich eine Adorferin bezeichnet? Ist sie eine Lobelin, eine Lobli oder gar ein Lobchen? Es ist kaum zu glauben, dass es in der heutigen Zeit keine weibliche Bezeichnung für eine so wichtige Sache gibt.

 

Den „Lobel“ begegnen wir nicht nur im Vogtland. Auch in Veröffentlichungen des 19. und 20. Jahrhunderts finden wir in Böhmen und Mähren, und sogar bis Wien, den „Lobel“. In der Regel ist es hier aber der Nachnahme. Es gibt Belege dafür, dass er sehr intelligent war und ab und zu auch einmal gebeten wurde, dem Leser die Welt zu erklären. Heute würde man ihn sicherlich in so manche Talkshow einladen. Im „Nordböhmischen Gebirgsboten“ vom 15. Februar 1862 finden wir folgendes Gesprächsprotokoll zum einem sehr brisanten und aktuellen Thema. Schon damals erkannte er, dass negative Entwicklungen nur durch aktives Handeln der Frauen zu verhindern sind.

 

Am Raisonnirtische

(Lokal. Wirtshausgespräche)

 

·       Lobel: Konnte ich doch heute, den ganzen Tag über, durchaus nicht ein gewisses Lied aus dem Kopf bringen.

·       Grobel: Was denn für eins?

·       Lobel: Die Mädchen in Deutschland sind lieblich und schön, Zum Küssen laden sie ein; Und wenn sie im wogenden Tanze sich derh’n, So rühren sie Herzen von Stein. Und so weiter.

·       Simpel: Aha, Erinnerungen von dem gestrigen Ballabend.

·       Lobel: So ist’s.

·       Grobel: Wie ist denn der Ball ausgefallen?

·       Lobel: Recht gut!Geordnetes Arragement, schöne Mädchen, holde Frauen, elegante Herren – alles vereinigt zu einem interessanten, lieblichen Bilde.

·       Simpel: Ist viel getanzt worden?

·       Lobel: Warum nicht? Können wir als Unkundige daran nicht Theil nehmen, so schauen wir doch recht gern zu.

·       Grobel: Ja, aber nur dann, wenn sie auch regelrecht vor sich gehen.

·       Simpel: Ist denn das nicht immer der Fall?

·       Lobel: Freilich nicht. Es herrscht bei der jungen Männerwelt leider eine Manier, den vorgeschriebenen Tanztouren ihre eigenen Erfindungen oder Angewohnheiten einzuflechten und dadurch störend auf Sinn und Geschmack einzuwirken.

·       Simpel: Bei den neuen Tänzen.

·       Lobel: Nicht nur bei diesen allein, sondern durchaus. Auch die alten, auf festen Regeln der Tanzkunst ruhenden Rundtänze werden jetzt verballhornt.

·       Grobel: Gerade, als ob der Tanzsaal eine Reitschule oder Turnhalle zugleich mit wäre.

·       Simpel: Aber wie denn so?

·       Lobel: Darüber will ich sprechen Da bleibt nämlich mitten im einfachsten Rundtanze, bei einer Walzer- oder Polkatour, ein Tänzerpaar plötzlich stehen, hält sich fest aneinander, wiegt sich hin und her, streckt die Arme aus und zieht sie ein, zieht die Füße auf und läßt sie nieder, - gerade als könnte es nicht weiter –

·       Grobel: Und hätte die Kolik bekommen.

·       Simpel: Ach, du mein Gott!

·       Lobel: Oder es trampelt auf einer Stelle herum. Trippelt einige Schritte vorwärts, wieder zurück, dreht sich auf einem Punkte und kommt in dieser Abwechslung zu einer Stellung der Füße, als, als –

·       Grobel:  Als ging vom Ufer eine Gans in den Bach –

·       Simpel: Oder wollte Kaffee mahlen. –

·       Lobel: Dann scheint zuweilen ein Tänzer des Tanzes müde zu werden, enthebt sich des Umdrehens und unternimmt zu seiner Erholung einen Dauerlauf durch den Saal, indem er seine Tänzerin, deren rückwärtige Fronte natürlich den Zuschauern zukehrend, festhaltend vor sich hertreibt, als als ob - -

·       Grobel: Ob er einen Kastenrabber vor sich her schöbe –

·       Simpel: Ha, ha!

·       Lobel: Vielleicht auch, daß er sich zur Unterhaltung auch umdreht, rückwärts läuft und seine Dame mit sich zieht, als als wie - -

·       Grobel: Wie ein Seiler die Pfockenwolle.

·       Simpel: Gehorsamer Diener!

·       Lobel: Auch sucht mancher Tänzer ein Kunststück in der plötzlichen Umdrehung seiner Tänzerin von rechts nach links. Es ist begreiflich, daß er dadurch seine Dame in eine Situation bringt, die, die - -

·       Grobel: Die nur noch dem Sturmwinde zu gute gehalten werden kann –

·       Simpel: Und der Mode.

·       Lobel: Was Mode! Soll denn die Mode so weit gehen, daß die französischen leichtfertigen Tanzfiguren in unsere Tänze sich einschleichen, daß der frivole Cancan unseren ehrbaren deutschen Walzer verpestet? – Bei den gewandten Franzosen hat solcher sinnliche Tanz noch Methode, bei uns deutschen wird dessen Nachahmung aber zur

·       Grobel: Zur Ungeschicklichkeit, zur Tölpelhaftigkeit, zur Unverschämtheit!

·       Simpel: Servus!

·       Lobel: Soll eine geregelte, zur wirklichen Freude und Lust bestimmte Tanzkunst zuletzt nicht ausarten, so wird es endlich Zeit, solchen Ausschreitungen und zugekommenen Unsitten zu steuern.

·       Grobel: Wie könnte dieses denn geschehen?

·       Lobel: Dadurch, daß die Damen selbst sich dazu fest verbinden, daß sie nicht in Tanztouren einwilligen, die von den für die Tanzart festgestellten Regeln abweichen und lieber selbst vom Tanze abtreten, als sich zu Unformen gebrauchen und sich zu Zerrbildern gestalten lassen.

·       Grobel: Das Beste wär’s.

·       Lobel: Sollte sich eine Dame nur selbst sehen, in welche tragisch-komische Stellung sie gerathen kann, wenn sie in solchen unschicklichen Extratouren mitwirkt. Sie würde kaum ihren Augen trauen, wie die lächerlichen Tanzbewegungen jede Illusion für Grazie und Liebreiz abstreifen und – und ich möchte sagen –

·       Grobel: Sie unschön machen können.

·       Simpel: Servus!

Es ist festzustellen, dass die Damen die bereits 1862 beschriebene Veränderungen der Tänze durch die Männer nicht verhindern konnten oder wollten. Am 12. Oktober 1911 sah sich der Adorfer Grenzbote veranlasst, mit folgenden Text auf die weiterhin bedenkliche Entwicklung, auf die ein Lobel bereits 1862 hingewiesen hat, hinzuweisen.

Der Adorfer Grenzbote kann für sich in Anspruch nehmen, dass er der Entwicklung nicht tatenlos zugesehen hat. Verhindern konnte er diese aber nicht.

Wer denkt, dass sich der Lobel im Jahre 1862 nur mit so „nebensächlichen“ Dingen wie der Entwicklung der Tanzkultur auskannte, dem sei gesagt, dass er eine Woche später seinen Gesprächspartnern und den Lesern den Hintergrund und das Anliegen des Vergleichsverfahrens vor dem gerichtlichen Konkursverfahren erklärte. Man sieht, beide Themen sind heute noch immer aktuell und der Lobel war schon vor über 150 Jahren am Ball.

 

 

Klaus-Peter Hörr

Februar/ März 2018

 



[1] 1896 nur Hausbesitzer aufgeführt und Doppelzählungen möglich, 1904 alle Einwohner mit teilweise Doppelnamen, 1925 alle Einwohner aber keine Doppelnamen            

[2] Franz Blanckmeister,  Urahnenland , Franz Sturm & Co. Dresden 1927