Der Geflügel- und Kaninchenzüchterverein Adorf

 

Das genaue Datum der Vereinsgründung des Geflügel- und Kaninchenzüchtervereins Adorf konnte ich bisher nicht eindeutig ermitteln. Auch ist unklar, ob es immer einen gemeinsamen Verein der Geflügel- und Kaninchenzüchter gab, oder ob und von wann bis wann es getrennte Vereine waren.

 

Belegt ist, dass im Grenzboten aus Adorf vom 5. Januar 1897 zu einer Geflügelausstellung auch die Kaninchenbesitzer in das Hotel blauer Engel eingeladen wurden.

 

 

Am 2. Februar 1897 lesen wir an gleicher Stelle nachfolgenden Bericht:

 

"Die Geflügel- und Kaninchen-Ausstellung im blauen Engel wurde an beiden Tagen, besonders aber am Sonntag, von Geflügelliebhabern und anderem Publikum recht fleißig in Augenschein genommen. Die Ausstellung, die den Saal vollständig in Anspruch nahm, war zum Theil mit recht werthvollen Thieren von hier und auswärts gut beschickt. Insbesondere erregten viele Stämme Hühner eigener Zucht allseitige Bewunderung. Tauben und Kaninchen waren in vielen hübschen Exemplaren vorhanden, die auch Käufer fanden. Eine hübsch arrangierte Collection ausgestopfter Vögel und das muntere Singen mit zur Ausstellung gelangter Singvögel verlieh dem Ganzen ein wohlgefälliges Bild. Es dürfte dieser erste Versuch einer größeren Geflügel-Ausstellung in hiesiger Stadt hoffentlich Anregung und Ermuthigung zur Hebung der Geflügel- und Kaninchenzucht geben. Herr Hotelier Schubert, der immer bemüht ist, Neues und Interessantes zu bieten, hat damit auch dem Nützlichen und Praktischen Förderung zu Theil werden lassen."

 

Am 22. Mai 1897 lädt der Vorstand eines Geflügelzüchtervereins zu einer außerordentlichen Versammlung ein. Waren die Kaninchenzüchter auch eingeladen?

 

 

Am 27. Mai 1897 wird über diese Versammlung wie folgt berichtet:

 

"Der hier neuerdings gegründete Geflügelzüchter-Verein zählt bereits 30 aktive Mitglieder, die Herrn Oskar Müller hier zu ihrem Vorstand wählten. Der Verein bezweckt in der Hauptsache allgemeines Interesse an der Geflügel- und Kaninchenzucht zu wecken, Kultur und Verbreitung vorzüglicher Rassen zu unterstützen, zuverlässige Mittheilungen über gemachte Erfahrungen zu verbreiten, entflogenes oder abhanden gekommenes Geflügel soweit möglich wieder herbei zu schaffen, die heimischen, nützlichen Vögel möglichts zu schützen, deren Einfangen und Nothleiden zu verhindern und ihre Vermehrung herbeizuführen. Dieser Zweck soll lediglich erreicht werden durch Abhalten von Vorträgen in Versammlungen, Anschaffung von Zeitschriften, Büchern, Veranstaltungen von größeren Ausstellungen, Bekanntmachungen rationeller Pflege und Fütterungsmethoden usw. Möge dieser neue Verein rege Unterstützung und Anerkennung finden."

 

Dieser Bericht lässt stark vermuten, dass die oben beschriebene Geflügelausstellung zu einer Vereinsgründung geführt hat. Wie er organisiert war und wie sich das Vereinsleben gestaltete ist wegen fehlenden Materials schwer zu sagen. Sehr oft treten die Geflügel- und Kaninchenzüchter in der Öffentlichkeit als Verein getrennt auf. Neben Anzeigen zu Versammlungen oder Berichten über Ausstellungen fand ich keine Hinweise auf die sonst üblichen jährlichen Stiftungsfeste. Zu solchen Anlässen wurde bei anderen Vereinen regelmäßig über die Arbeit im letzten Jahr, den Wahlen der Vereinsführung und das sonstige Vereinsleben berichtet. Dies alles ist bisher im großen Umfange für den Geflügelzüchterverein im Verborgenen geblieben.

 

Fast jährlich wurde zu Ausstellungen mit und ohne die Kaninchenzüchter eingeladen.

 

1899-01-26 Der Grenzbote

1900-01-04 Der Grenzbote

 

1907-11-13 Der Grenzbote

1930-12-11 Der Grenzbote

 

1924-12-30 Der Grenzbote

 

Im Rahmen der Ausstellungen wurden regelmäßig Preise in verschiedenen Kategorien vergeben.

 

Am 29. Januar 1910 wurde über nachfolgende Preisträger informiert:

 

"Der hiesige Geflügelzüchterverein hält von heute Sonnabend bis mit Montag eine Jubiläums-Geflügel-Ausstellung im Saale des "Blauen Engel" ab, die von zahlreichen Ausstellern beschickt worden ist. Es sind da Hühner und Tauben in prachtvollen Exemplaren zu sehen und dürfte ein Besuch der Ausstellung auch dem der Geflügelzucht Fernstehenden manches Interessante bieten; der Eintrittspreis ist so gering bemessen, daß jedermann ihn erschwingen kann. Mit der Ausstellung ist eine Lotterie verbunden, deren Ziehung am Montag nachmittag erfolgt. Bei der heute Sonnabend vormittag stattgefundenen Prämierung der ausgestellten Tiere erhielten von hiesigen Ausstellern Auszeichnungen die Herren: Johs. Elster, Paul Hoffmann, O. Heckel, Arthur Schönfuß, M. Winterstein, Fritz Bäume, Paul Schuster, Max Müller, Otto Paulus, Hermann Thomä, Max Schuster, Richard Reindel, Emil Ullmann, Max Ullmann, Otto Thoß, E. Puchta, Mühlhausen, Gustav Adler, Sohl, Rich. Weller, Bad Elster. Die weiteren Preisträger sind aus dem Ausstellungs-Katalog (Führer) ersichtlich."

 

Der eine oder andere Preisträger tauchte bereits in der Vergangenheit in einem meiner Texte an dieser Stelle in anderem Zusammenhang auf. Adorfer Geflügelzüchter beteiligten sich über viele Jahre auch erfolgreich auf überregionalen Ausstellungen. Die letzte Information zum Geflügelzüchterverein liegt mir aus dem Jahre 1935 vor.

 

Die bekannten Berichte über den Kaninchenzüchterverein von Adorf sind sehr ähnlich.

Auch von diesem wird öfter zu Versammlungen aber auch zu Stiftungsfesten geladen.

 

1911-04-07 Der Grenzbote

1920-05-08 Der Grenzbote

 

1912-02-23 Der Grenzbote

1920-01-23 Der Grenzbote

 

Im Februar 1912 wird das zweite Stiftungsfest gefeiert und im Jahre 1920 das zehnte. Das deutet auf eine Vereinsgründung im Jahre 1910 hin.

Bestätigt wird dies durch nachfolgender Zeitungsmeldung unter dem Datum 17. November 1910.

 

"Der rührige Kaninchenzüchter-Verein Adorf und Umgebung, dessen Bestrebungen dahin gehen, der wirtschaftlichen Bedeutung der Kaninchenzucht die Anerkennung zu verschaffen, die ihr gebührt, läßt nichts unversucht, sich immer neue Freunde zu werben. Nach jahrzehntelangen Kämpfen gegen Unwissenheit und Vorurteilen haben die Verfechter der Kaninchenzucht endlich festen Boden gefaßt überall im deutschen Lande. Wenn man bedenkt, daß das Kaninchenfleisch an Wohlgeschmack und Nährwert kaum von anderem Fleisch übertroffen wird, muß man sich verwundert fragen, warum ein prächtiges Volksnahrungsmittel so lange um seine Anerkennung hat kämpfen müssen. Um weiteren Kreisen eine Beurteilung rationeller Zucht zu ermöglichen, veranstaltet der Verein vom 20. November 1910 ab seine erste lokale Ausstellung in den Räumen des Hotels blauer Engel hier. Die Teilnahme seitens der Bewohnerschaft aus Stadt und Land dürfte nicht ausbleiben, zumal hervorragende Züchter ihr Bestes zur Schau stellen werden. Bei der Ausstellung von Kaninchen kommen auch Schuhwaren, Pelzsachen und dergl. mehr, die nur aus Kaninchenfellen angefertigt sind, zur Ausstellung und machen wir hierauf noch besonders aufmerksam.

 

Auch bei den Kaninchenzüchtern engagierten sich bekannte Persönlichkeiten der Stadt. Ich erinnere hier an meinen nachfolgenden Text von 9. September 2015 im Adorfer Stadtboten.

 

 

Emil Claviez

Textilunternehmer, Erfinder, Komponist und Kaninchenzüchter

 

In der Regel kennt man in Adorf Emil Claviez als Begründer der Textilosewerke und Kunstweberei Claviez AG, ein Vorläufer der allseits bekannten aber nicht mehr in Adorf existierenden Teppichweberei Halbmond bzw. als Namensgeber der heutigen Emil-Claviez-Siedlung, die er gleich neben dem Unternehmen für seine Beschäftigten bauen ließ.

Der Adorfer Grenzbote vom 6. Juli 1920 berichtet von einer weiteren und sicherlich etwas vergessenen Seite dieser vielseitigen Persönlichkeit der Stadt Adorf.

 

Hier wird von einem Ausflug der „Kaninchenzüchtervereinigung Obervogtland“ zu den Zuchtkollegen nach Adorf berichtet. Ein Besuch galt unter anderem der sehr bekannten Angorakaninchenzucht des Herrn Kommerzienrat Claviez. Dieser stellte den Besuchern seine in Adorf 100 Tiere umfassende Kaninchenzucht selbst vor und erklärte, dass seine gesamte Zucht z. Zt. 14.000 Stück Angorakaninchen umfasst. Diese Zucht dient hauptsächlich der Gewinnung von Wolle, die er in seinem Unternehmen selbst bis zur feinsten Seide verarbeitete.

 

1920-12-21 Der Grenzbote

 

Wie in vielen anderen Fällen war Emil Claviez  auch hier ein aktiver Förderer. Zur Bezirks- Kaninchen- und Produktenausstellung des Kreisverbandes Vogtländischer Kaninchenzüchter im Jahre 1920 übernahm er das Protektorat. Die Kaninchenzucht hatte während des Ersten Weltkrieges sehr an Bedeutung verloren und spielte nun wieder eine vielfältige Rolle sowohl als Lieferant für Pelze, feinste Wollstoffe, festes Schuhleder aber natürlich auch für nahrhaftes Fleisch.

In seiner Rede zur Eröffnung dieser Ausstellung betonte Emil Claviez, dass die Kaninchenzucht eine nationale Aufgabe sei und sagte weitere finanzielle Unterstützung zu.

Seine Organisation umfasste zu diesem Zeitpunkt in ganz Deutschland 16.000 Tiere. Die Produktion von Wolle im Inland erspare nach seinen Worten die Einfuhr von Wolle aus dem Ausland, was damals im Zuge der zu zahlenden Reparationsleistungen nicht unwesentlich war.

 

1920-12-28 Der Grenzbote

 

Aus der Liste der Preisträger bei dieser Ausstellung ist ersichtlich, dass die Adorfer Züchter bei dieser Ausstellung sehr erfolgreich abgeschnitten hatten. Ob deren Urenkel auch heute noch Kaninchen züchten und über die Angorakaninchenzucht von Emil Claviez am Stammtisch sprechen?

 

1925-12-23 Der Grenzbote

 

Die Kaninchenzüchtervereine in Adorf und Umgebung muss es auch noch nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges gegeben haben. Ob dies in alter oder veränderter Struktur war, kann ich zur Zeit nicht sagen. Hintergrund hierfür war sicherlich ihre volkswirtschaftliche Bedeutung für die Ernährung der Bevölkerung und die Bereitstellung der Felle für verschiedene Zwecke. Einen Einblick in die Arbeit der Kaninchenzüchter zu Beginn des Krieges ermöglicht uns nachfolgender Beitrag im Adorfer Grenzboten vom 29. Oktober 1940.

 

Kreisfachgruppenversammlung der Kaninchenzüchter in Adorf i. V.

 

"Am Sonntag nachmittag war im Gasthaus "Zum alten Fritz" eine Kreisfachgruppenversammlung der Kaninchenzüchter angesetzt gewesen, zu der die 8 Vereine Adorf, Oelsnitz (3 Vereine), Markneukirchen, Schöneck, Untermarxgrün und Untertriebel Vertreter entsandt hatten; außerdem waren auf Einladung hin noch 3 Siedlervereine vertreten. Kreisgruppenvorsitzender Gruber- Oelsnitz eröffnete die Versammlung und gab folgende Tagesordnung bekannt:

 

1. Bekanntgaben

2. Vortrag von Otto Hellinger

3. Allgemeines, Werbung

4. Werbeschau in Oelsnitz i. V.

 

Dann sprach er über die Antragstellung zur Belieferung mit Torfmull als Einstreu in den Ställen, über die zu fördernde Haltung der Wirtschaftsrassen: weiße Angora, Wiener weiß oder blau, Helle Großsilber, Deutsche Großsilber schwarz, Deutsche Widder grau oder weiß, Groß- oder Klein-Chinchilla. Der Vorzug ist der Angorarasse zu geben. Durch die Zucht der Angorakaninchen sind im vergangenen Jahre im Deutschen Reiche 30 Millionen RM Devisen eingespart worden, und diese Summe kann noch erheblich gesteigert werden durch die erhöhte Angorazucht. Ueber die Kaninchenzucht im allgemeinen sagte der Vorsitzer Gruber, daß nur so viele Tiere gehalten werden sollen, als die wirtschaftseigenen Futtermittel und die Haushaltsabfälle das gestatten. In der Jetztzeit ist vor allem das Abschlachten der weiblichen Tiere zu unterlassen. Weiter beschäftigte sich der Vorsitzer in seiner Rede mit den Zuschüssen an Kleintierhalter aus staatlichen Mitteln, eine Unterstützung, die erst im Staate Adolf Hitlers zur wirklichen und spürbaren Hilfe geworden ist. Dann folgte ein Vortag von Otto Hellinger- Oelsnitz über Angora-Zucht. Die Angorakaninchen sind die erste Wirtschaftsrasse und bringen dem Züchter wesentliche Vermögensvorteile. Der Redner richtete einen dringenden Appell an die alten Züchter, neben ihrer Lieblingsrasse auch noch einige Angorakaninchen zu halten. Die Fütterung ist einfach, der Absatz der Wolle zu guten Preisen und der Zuchttiere ist gesichert. Wir müssen, so sagte Herr Hellinger, dem Staat unter die Arme greifen, es ist für jeden Züchter vaterländische Pflicht, die Erzeugung der Angorawolle mit steigern zu helfen. Den Angora-Züchtern ist es leicht gemacht, da die staatlichen geldlichen Beihilfen in erster Linie dem Angorazüchter zufließen. Die Rentabilität wird von keiner anderen Rasse erreicht wie bei Angora. Der Vorsitzer gab dann nach Behandlung interner Vereinsangelegenheiten davon Kenntnis, daß Werbeschauen in Oelsnitz und Markneukirchen veranstaltet werden und schloß darauf die Versammlung mit einem Sieg Heil! auf den Führer und unsere deutsche Wehrmacht."

 

Der Bericht zeigt, dass der Verein zumindest in der Außendarstellung Teil des damaligen politischen Systems war.

 

Laut Internetrecherche hatte Angorawolle im Zweiten Weltkrieg wegen ihrer extremen Wärmeisolation und Schweißabsorption für die  Ausrüstung von Soldaten in extremen klimatischen Bedingungen eine strategische militärische Bedeutung. Die Wolle unterlag einer staatlichen Bewirtschaftung. Angorakaninchen sollen sogar auf Initiative von Heinrich Himmler in Konzentrationslagern gezüchtet worden sein. Für die Mehrzahl der Soldaten vor Stalingrad stand Ausrüstung aus Angorawolle laut vielen Berichte nicht zur Verfügung.

 

Wie wird es mit diesen beiden Vereinen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiter gegangen sein?

 

Bekannt ist, dass am 11. und 12. Januar 1958 in der Curt-Mittag-Halle  der Kreisverbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter eine Rassegeflügel- und Rassekaninchenschau durchführte. Spartenleiter waren damals H. Koller und F. Füller. Als Ausstellungsleiter fungierten A. Fietz und W. Wunderlich.

 

Meine Frau erinnert sich noch heute daran, dass sie zu Beginn der 1970er Jahre Kaninchen der Großeltern bei der VEAB (Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb) abgab/verkaufte. Einmal musste sie ein Kaninchen wieder mitnehmen. Es hatte das Mindestgewicht verfehlt. In der DDR spielte die private und in den Vereinen organisierte Kaninchenzucht als Lieferant für Kaninchenfleisch und Fellen eine große Rolle.

 

Heute sind die Kleintierzüchter im Adorfer Kaninchen- und Geflügelzuchtverein organisiert.

 

Klaus-Peter Hörr

Mai 2026