Geselligkeits-Vereinigung  "Freundschaft" Adorf i. Vogtl.

 

Am 11. März 1919 wurde die Geselligkeits-Vereinigung "Freundschaft" Adorf i. Vogtl. (G.V.F.A.) gegründet.

Da mir bisher kein Statut für diese Vereinigung vorliegt, kann ich nur sehr wenig über deren Ziele und Mitglieder berichten. Auch ist es unklar, ob eine Vereinigung überhaupt ein Statut analog eines eingetragenen Vereins benötigte.

Interessant ist auf alle Fälle das Gründungsdatum. Dieses lag nur vier Monate nach dem Ende des 1. Weltkrieges. Dies war eine Zeit, in der weder alle Soldaten demobilisiert noch aus der Kriegsgefangenschaft bzw. den Lazaretten entlassen worden waren. Unabhängig davon waren die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland sehr instabil und die Vertragsverhandlungen der Siegermächte über das weitere Schicksal Deutschland kaum begonnen.

 

Zu diesem Zeitpunkt sehnten sich in Adorf trotz aller Probleme Menschen nach Geselligkeit und Freundschaft. Im Adorfer Grenzboten wurde über diese Vereinigungsgründung nicht berichtet. Da beherrschte andere Meldungen die Schlagzeilen. Auch im Folgejahr lesen wir nichts über Feiern zum 1. Gründungstag. Ist dies ein Beleg dafür, dass es mit der Geselligkeit in der Praxis noch so ihre Probleme gab? Ab 1921 bis 1932 gibt es jährlich mindestens eine Anzeige betreffs Feste und Feiern dieser Vereinigung.

 

 

 

Den einzigen Bericht über ein Fest fand ich vom Sommerfest am 21 Juni 1932. Dort lesen wir wie folgt:

"Die Gesell.-Ver. "Freundschaft beging am Sonntag ihr diesjähriges Sommerfest. Der rührige Vorstand Max Fritz Müller, hatte es verstanden, mit seinen Getreuen den zahlreich versammelten Mitgliedern nebst werten Damen und geladenen Gästen einige recht fröhliche Stunden zu bereiten. Der schön gelegene Garten des Fremdenhofes "Viktoria", wie geschaffen dazu, war in einen Festplatz umgewandelt worden. Unter schattigen Bäumen war eine Tanzdiele errichtet, auf der unter den schneidigenden Klängen der Vereinskapelle sich die jungen Paare dehnten. In einer "Radselbude" konnte jeder sein Glück versuchen und allerlei nützliche Gegenstände gewinnen und im Schießsalon daneben sich einen Preis holen. Sogar eine Gartenpost war errichtet worden. Nach eingetretener Dunkelheit wurde der Festplatz mit zahlreichen bunten Laternen erleuchtet und nach flotten Tänzen, zu der Mitglieder der städtischen Kapelle aufspielten, eine Fackelpolonaise durch die Gartenanlagen ausgeführt. Die aufmerksame Bedienung im Fremdenhof Viktoria und die wohlbekannte Küche von Frau Bäume trugen wesentlich zum Gelingen des schönverlaufenden Festes bei."

 

Wer wird Vorstand Max Fritz Müller gewesen sein? Ein Max Müller findet sich in den relevanten Adressbüchern oft, ein Max Fritz Müller aber nie.

Im Adressbuch von 1925 ist die Geselligkeitsvereinigung  "Freundschaft" mit dem Vorsitzenden Handlungsgehilfe Herm. Schönfelder aus der Schulstraße 2 aufgeführt.

 

Bei der Durchsicht einer Vielzahl von Bildern aus dem Bestand des ehemaligen Gasthauses Wolfsschlucht stieß ich auf diverse Fotos feiernder Leute zu Beginn der 1930er Jahre. Bei diesen Fotos ist öfter vermerkt, dass dabei die Hauskapelle spielte. Warum sollte die Wolfsschlucht für Feierlichkeiten keine "Hauskapelle" gehabt haben? Bei näherer Betrachtung der Fotos sah ich aber, dass auf diesen teilweise Hinweise auf die Geselligkeitsvereinigung zu finden sind und die Feiern auch im Hotel Viktoria stattfanden. Damit gehe ich davon aus, dass es zwischen der Wolfsschlucht bzw. dem Wirt und der Geselligkeitsvereinigung auch eine Verbindung gegeben haben muss. Wenn nicht, wäre es unlogisch, diese Fotos in einem Fotoalbum von der Wolfsschlucht zu finden.

 

Ein Foto zeigt zum Beispiel eines von der Fahnenweihe am 18. September 1921 auf dem Markt zu Adorf unter reger Anteilnahme der Bevölkerung. Immer wieder fällt auf solchen historischen Aufnahmen die "Kleiderordnung" auf. Die Herren trugen einen dunklen Anzug mit Zylinder bzw. Hut oder Mütze. Keiner ist mit kurzen Hosen, buntem T-Shirt und Sandalen zu sehen.

 

 

In dem mittleren Haus mit den Torbogen und dem hellen Firmenschild hatte Fleischer Alfred Stöss sein Geschäft. Im Haus rechts daneben erkennen wir bei entsprechender Vergrößerung die Spedition von Julius Ed. Heckel.

Weitere Foto zeigen wie damals ein lustiger Abend im Hotel Viktoria gefeiert wurde. In der Mitte oben die Vereinsabkürzung und rechts daneben ein Pokal mit einem markanten Deckel, der öfter zu sehen ist. Man kann deutlich sehen, dass es gesellig zugeht.

 

 

Auf einem weiteren Foto sehen wir 48 Herren mit dem gleichen Pokal und einer Fahne unter einer "10". Ob es ein Erinnerungsfoto zum 10. Gründungsjubiläum ist? Leider sind auf der Rückseite nicht die Namen der Herren vermerkt. Sie hatten bestimmt nicht gedacht, dass nach fast 100 Jahren jemand danach fragen würde. Auch hier wieder eine festliche Bekleidung aller Herren.

 

 

Nachfolgend ein undatiertes Beispiel dafür, wie um 1930 die Mitgliederwerbung funktionierte.

 

 

Wenn diese Fotos nicht überzeugten, was denn sonst?  Hier sehen wir auch, dass man sich zu Versammlungen in der Wolfsschlucht traf.

 

Weitere Aufnahmen gibt es von einem "Katerbummel"nach Mühlhausen nach dem 14. Stiftungsfest im März 1933. So schlimm kann der Kater nicht gewesen sein. Mann und Frau schauen freundlich in die Runde, die Anzugsordnung sitzt und die Schuhe sind blank geputzt.

 

 

Nachfolgend die zwei letzten Aufnahmen vom G.V.F.A. vom 3. und 13. März 1934.

 

 

Auf dem linken Foto vom Bockbierfest nach einer Versammlung erkennen wir die entsprechende Dekoration mit den für diese Zeit typischen Symbolen. Auf der Pauke ist bei entsprechender Vergrößerung der Vereinsname lesbar.

Das rechte Foto lässt vermuten, dass der Gesamtvorstand im Vereinszimmer versammelt ist. In der Mitte in einem Schrank der Vereinspokal, der Vereinswimpel und ein "Teller". Beim Pokal hat man die ehemalige Figur durch das Hakenkreuz ausgetauscht. An den Wänden sicherlich diverse Fotos aus dem Vereinsleben. Wer werden die 28 Herren auf dem Bild rechts oben sein? Waren es die Gründungsmitglieder? Warum wurde Rudolf Nowe hier extra gekennzeichnet? Laut Adressbuch 1925 war er zu diesem Zeitpunkt Handlungsgehilfe. War er ev. der damals aktuelle Vereinigungsvorstand?

Im Adressbuch von 1942 ist er, wie auch der gesamte Verein, nicht mehr zu finden. Ob man am 13. März 1934 über die Zukunft des Vereins unter den aktuellen Verhältnissen sprach?

Im März 1935 spendete die Vereinigung 3 RM für die Nagelung des Wappenschildes des Winterhilfswerkes Adorf und im Oktober 1935 5 RM für die Ehrentafeln für die im 1. Weltkrieg gefallenen Adorfer in der Stadtkirche.

 

Wo werden die Vereinigungsinsignien wie Fahne, Wimpel und Pokal abgeblieben sein? Hat noch jemand Informationen über das Vereinsleben und deren Mitglieder? Gerne würde ich hiermit diesen Text weiter ergänzen.

Ein Dank an Frau Heinlein/Coburg für die vielen Fotos, die etwas die Geschichte des Vereins erhellten.

 

Diese Geselligkeitsvereinigung war übrigens nicht die erste dieser Art in Adorf. Im Oktober 1913 feierte der Kath. Geselligkeitsverein Adorf bereits sein 14. Stiftungsfest mit Konzert, Theater und Ball im Hotel blauer Engel. Mit einer ordentlichen Hauptversammlung mit wichtiger Tagesordnung verliert sich meine Spur bezüglich dieses Vereins aber bereits Ende Januar 1917.

 

Klaus-Peter Hörr

November 2025