Die Unterstützung der Wissenschaft und des Naturschutzes durch die Perlenfischer aus Oelsnitz

 

Der im Historischen Archiv des Vogtlandkreises erhalten gebliebene Briefwechsel der Perlenfischer von 1860-1927 zeigt anschaulich, dass sich die Perlenfischer nicht nur um die Perlenfischerei im engeren Sinne kümmerten. Es gibt dort viele Belege dafür, dass sie auch immer wieder im Zusammenhang mit der Erforschung und Erhaltung der Flussperlmuscheln nicht nur in Deutschland eingebunden waren.

 

Dies begann damit, dass sie auch dafür verantwortlich zeichneten, darauf zu achten, dass die Flussperlmuschel im eigenen Verantwortungsbereich optimale Bedingungen zum Wachsen und Gedeihen vorfand. Unterstützt wurde dies dadurch, dass dem Sächsischen Churfürsten bzw. dem König nicht nur die gefundenen Perlen zustanden, sondern die gesamte Perlmuschel sein Eigentum war und deren Lebensbedingungen in den Flüssen und Bächen unabhängig der erteilten Wasser- und Fischereirechte nicht negativ beeinflusst werden durften. Jegliche Baumaßnahmen mussten dem Perlenfischer bzw. der übergeordneten Behörde angezeigt und mit den Perlenfischern abgestimmt werden. Bei unvermeidlichen Arbeiten hatten die Perlenfischer die Aufgabe der Schadensminimierung. Dies konnte z. Bsp. die Umsetzung von Perlmuscheln bedeuten und betraf in der Regel notwendige Arbeiten an Mühlen und Mühlgräben, den Straßen- oder auch den Eisenbahnbau zwischen Roßbach und Adorf, Fluß- und Bachbegradigungen oder Arbeiten an den Uferbefestigungen.

 

Über Jahrhunderte war nicht zweifelsfrei bekannt, wie und warum sich Perlen in den Muscheln bilden. Allein hierüber ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Besonders interessant war die Frage, warum nicht jede Muschel Perlen hervorbrachte und nur wenige so wohlgeformt waren, dass sich die Damen daran erfreuen konnten.

 

Da der Ertrag der Perlenfischerei in vielen Jahren nicht kostendeckend war, wurde versucht, die Erträge auf künstlichem Wege positiv zu beeinflussen. Hierzu wurden z. Bsp. die Perlenfischer am 9. Juli 1864 von der Oberforstmeisterei Auerbach aufgefordert, Medizinalrat Dr. Küchenmeister aus Dresden bei Versuchen zur Erzeugung künstlicher Gebilde in den Perlmuscheln zu unterstützen. Diese Versuche betrafen nach meiner Auffassung nicht die Züchtung von Perlen, sondern im obigen Falle das Beschichten von Implantaten in den Muscheln mit einer Perlmutterschicht. Wem bekannt ist, wie lange die Bildung einer wohlgeformten Perle dauert, wird wissen, dass diese Versuche nicht zu einer kommerziellen Nutzung führen konnten. Weiterhin wurde versucht, Flussperlmuscheln aus dem Vogtland in andere Gewässer in Sachsen heimisch zu machen. Ein solches Projekt wurde unter Federführung von Prof. Nitsche von der Forstakademie Tharandt in der Triebisch durchgeführt. Zu den Ergebnissen konnten bisher im Archiv der TU Dresden keinerlei Unterlagen gefunden werden.

 

Eine weitere Aufgabe, die den Perlenfischern öfter übertragen wurde, war die Übersendung von Muscheln an verschiedene Museen, Institute oder auch Wissenschaftler für ihre Forschungs- und Bildungsarbeit.

Als Beispiele möchte ich hier nachfolgende anführen:

 

     Königliches zoologisches Museum Dresden

     Ethnographisches Museum Dresden

     Zoologisches Museum der Universität Königsberg

     Herrn Apotheker Wilhelm Israel in Gera/Untermhaus

     Fabrikdirektor Otto Wohlberedt in Triebes

     LINNEA, Naturhistorisches Institut  Berlin N4

 

Lebende Muscheln für unterschiedliche Zwecken waren u. a. zu versenden an:

 

     Rittergutsbesitzer Freiherrn von Stein zu Groß-Kochberg bei Rudolstadt

           (200 Stück)   

     Direktor des Aquariums im Zoologischen Garten zu Amsterdam

           (50 Stück)

     Berliner Aquarium (50 Stück)

     Prof. der Zoologie Dr. Schmidt in Straßburg (50 Stück)

 

Recherchen darüber, was mit diesen Muscheln passierte und ob eine eigene Muschelzucht erfolgreich mit diesen aufgebaut werden konnte, blieben bisher leider erfolglos.

 

Einen wichtigen Beitrag hatten die Perlenfischer und die Perlmutterwarenfabrikanten aus Adorf im Zusammenhang mit der Internationalen Fischereiausstellung 1880 in Berlin zu leisten. Sie hatten die Aufgabe, den Auftritt des Königreiches Sachen auf dieser Ausstellung mit Beiträgen und Mustern zur Perlenfischerei und Perlmutterwarenherstellung zu unterstützen, wofür sie vom Veranstalter ausgezeichnet wurden. Einige Ausstellungsstücke von damals sind heute im Erlebnismuseum Perlmutter in Adorf zu besichtigen.

 

Weiterhin gab es immer wieder Anfragen von Privatleuten, die Interesse an der Perlenfischerei hatten und um Hinweise baten, ob und wie auch sie in ihren Bächen Flussperlmuscheln ansiedeln können. Bei dieser Art von Unterstützung hatten die Perlenfischer keine freie Hand. In solchen Fällen mussten sie an die vorgesetzte Behörde verweisen, von der sie einen entsprechenden Auftrag hierfür benötigten.

Gefördert wurde dieses Interesse dadurch, dass zu jener Zeit öfter in den Medien über die Perlenfischerei im Vogtland und deren Ergebnisse berichtet wurde. Es war halt eine Besonderheit, die es nur in wenigen Gebieten in Deutschland gab.

 

Die Ergebnisse dieser Arbeit der Perlenfischer für den Natur- und Artenschutz waren sehr begrenzt. Wenn überhaupt, dann konnte das fast vollständige Aussterben der Flussperlmuscheln durch die Umweltverschmutzung und intensive Wassernutzung lediglich etwas verzögert, aber nicht verhindert werden. Wie langwierig und kompliziert die Aufzucht und Wiederansiedlung relevanter Bestände ist, sehen wir an den aktuellen Bemühungen, die eindrucksvoll die große Komplexität dieses Themas zeigen.

 

Klaus-Peter Hörr

November 2025