Vermischte Nachrichten 1880

Der Ertrag der Perlenfischerei im Persischen Meerbusen und im Vogtland

 

Am 5. Oktober 1880, brachte der Vogtländische Anzeiger und Tageblatt unter der Überschrift "Vermischte Nachrichten" nachfolgende kurze Meldung:

 

"Der Werth der im Jahre 1879 im Persischen Meerbusen gefundenen Perlen wird auf ungefähr 6.000.000 Mark geschätzt. Leider sind von den bei der Perlenfischerei beschäftigten Tauchern im vorigen Jahr dreißig umgekommen, die meisten sind Haifischen zum Opfer gefallen."

 

 

Bei dieser Meldung sollten wir beachten, dass die Perlenfischerei auch in anderen Regionen der Weltmeere betrieben wurde und die Ergebnisse dieser auch von dort auf die internationalen Märkte kamen.

 

Der Vergleich von statistischen Zahlen ist generell sehr problematisch, da oft nicht zweifelsfrei gesagt werden kann, auf welcher Basis diese ermittelt wurden. Waren die 6 Mio. Mark der Wert, den die Perlenfischer erhielten oder deren Arbeitgeber, Aufkäufer, Großhändler oder Exporteure? Waren es Brutto- oder Nettopreise?

Versuchen wir einmal diesen Wert zu den im Jahre 1879 im Vogtland durch die Perlenfischer abgelieferten Perlen ins Verhältnis zu setzen.

 

Im Jahre 1879 wurden in Summe 155 Perlen von den Perlenfischern in Oelsnitz abgeliefert. Davon waren 64 helle Perlen, 37 halbhelle, 25 Sandperlen und 29 verlorene Perlen. Die 131 nach Farben unterschiedenen Perlen sagen lediglich etwas über die Farbe und nichts über deren Form und Größe aus. Bei den 29 verlorenen Perlen kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit von sehr minderwertigen Perlen ausgehen.

Laut einem Bericht der Zweiten Kammer des sächsischen Landtages 1877-78 betrugen die durchschnittlichen Einnahmen der Perlenernten für die Jahre 1871-75 844,- M.

Die Menge der abgelieferten Perlen betrug für diese 5 Jahre in Summe 922 Stück über alle 4 Qualitätsgruppen. Dies bedeutet, dass der Durchschnittspreis bei ca. 0,92 M/Perle lag, wenn alle verkauft wurden.

Wie unterschiedlich der Erlös nach Qualitätsgruppen war, belegen nachfolgende Aussagen im gleichen Bericht.

 

"... Gegen 203 Perlen 15 Stück erster Qualität, im Jahre 1874, welche für 1072 M 90 Pf verkauft werden konnten, sind im Jahre 1875 nur 103 Perlen mit 6 Stück erster Qualität, im Jahre 1876 nur 147 Perlen mit 7 Stück erster Qualität eingeliefert und zu 504, bezüglich 477 M 75 Pf verkauft worden."

 

Demzufolge wurde für Perlen erster Qualität pro Stück ca. 71,5 M, 87 M bzw. 68,25 M in den einzelnen Jahren erlöst. Daran ist ersichtlich, dass die Durchschnittspreise sehr schwankten und für die anderen Qualitätsstufen nur sehr geringe Erlöse zu erzielen waren.

 

Nehmen wir an, dass wir die gleichen Kriterien für die im persischen Meerbusen gefundenen Perlen anwenden können, so kommen wir auf 6 Mio Stück gefundene Perlen für das Jahr 1879. Ich vermute eher, dass der Wert von 6 Mio. Mark für die gefundenen Perlen den Wert von gekauften Perlen der maximal ersten beiden Qualitätsstufen betrifft. Setzen wir hier einen durchschnittlichen Wert von 50 Mark/Perle an, waren das 120.000 Perlen der zwei höchsten Qualitätsstuten, die von dort auf den Markt kamen. Dagegen sehen die Mengen aus Sachsen sehr bescheiden aus, besonders dann, wenn ein Juwelier für eine Kette eine Vielzahl von Perlen mit gleicher Farbstellung und passenden Größen und Formen benötigt. Somit war es in einzelnen Jahren problematisch, die jährliche Perlenernte aus dem Vogtland zu verkaufen. Kunden hatten oft nur an den wenigen Perlen erster Qualität Interesse.

 

Aus der im Jahre 1886 abgelieferten Ernte von zusammen 100 Perlen konnte bis zum Jahresende 1886 lediglich eine Perle für 20 M verkauft werden. Es ist anzunehmen, dass der Käufer sich die schönste oder diejenige in Form, Farbe und Größe ausgesucht hat, für die er eine ganz konkrete Verwendung hatte.

 

So kam es, dass den Perlenfischern in Oelsnitz mindestens in den Jahren 1885, 1886, 1890 und 1894 mitgeteilt wurde, dass die vorjährige Perlenernte noch nicht bzw. nicht vollständig verkauft werden konnte und die Perlenfischer ihre Tantiemen nicht bekommen konnten bzw. diese nur teilweise und auf Basis von Schätzungen ausgezahlt wurden. Die entsprechende Information an die Perlenfischer erfolgte in einer sehr förmlichen Weise.

 

An den Tischlermeister und Perlenfischer

Herrn Moritz Schmerler

zu Oelsnitz

 

In Gemäßheit einer Verordnung des Königlichen Finanz-Ministeriums vom 23. März a. c. No. 1126 Forstreg. habe ich Ihnen zu eröffnen, daß es Hochdemselben zur Zeit noch nicht gelungen ist, die im vorigen Jahr eingelieferten Elsterperlen zu verkaufen.

Es kann deshalb auch noch nicht die Ihnen zukommende Tantieme berechnet und ausgezahlt werden.

 

Oberforstmeisterei Auerbach, am 27. März 1885

H. v. Cotta

 

Aus den bekannten Informationen über die jährlichen mengenmäßigen Erträgen der Perlenfischerei und ihren Verkaufserlösen geht nicht hervor, ob es im laufenden Jahr gelang, die gesamte Perlenernte oder nur ein Teil zu verkaufen. Der Verkauf eines Teiles einer Jahresernte im Folgejahr könnte wie die Qualität der jeweils geernteten Perlen einen erheblichen Einfluss auf den Durchschnittspreis pro Stück haben.

 

Wie werden sich die dreißig toten Perlenfischer im Jahre 1879 auf den Preis der Perlen ausgewirkt haben? Wenn im Vogtland die Witterungsbedingungen ungünstig waren oder der Perlenfischer erkrankte fiel die Perlenfischerei dagegen laut überlieferten Schriftverkehr buchstäblich ins Wasser.

Auch heute wird immer wieder in den Medien berichtet, dass für unsere Rohstoffe und Edelsteine in vielen Regionen der Welt von den Arbeitern ein großer "Blutzoll" gezahlt werden muss.

 

Klaus-Peter Hörr

Dezember 2025