Fliegerpionier Erwin Zeuner

 

Eine am 7.8.1916 abgestempelte historische Postkarte aus der Sammlung von Peter Jacob berichtet davon, dass es in Freiberg bei Adorf vor über 100 Jahren einen Flugzeugkonstrukteur und Modellbauer gegeben hat. Seine Geschichte interessierte mehrere Personen und gemeinsam wurde versucht, mehr über Erwin Zeuner zu erfahren. Den mir aktuell bekannten Stand möchte ich nachfolgend zusammenfassen. Als Ort des obigen Fotos wurde die „Muckenmühle  im heutigen Adorfer Ortsteil Freiberg identifiziert.

 

 

Laut Eintrag Nr. 15/1882 in das standesamtliche Geburtenregister von Adorf zeigte am 27. Januar 1882 Schuhmacher Christian Georg Zeiner an, dass seine Ehefrau Christiane Margarethe geb. Roßbach am 21. Januar in Freiberg einen Sohn Erwin Gustav geboren hat. Aus dem Eintrag der Eheschließung der Eltern von Erwin Zeuner geht hervor, dass sie am 13. November 1880 in Adorf geheiratet haben. Vater Georg Zeiner wurde am 6. November 1828 in Rohrbach bei Brambach geboren. Christiane Margarethe Roßbach wurde am 2.11.1845 in Roßbach bei Asch geboren und war zum Zeitpunkt der Eheschließung eine verw. Dietz.

Über seine Kinder- und Jugendzeit ist uns bisher nichts bekannt. Eventuell reizten ihn nach der Landung des Luftballons „Franken“ auf dem Grundstück des Herren Rucktäschel nahe Freiberg am 9. Mai 1907 die Schuhmacherleisten seines Vaters nicht mehr allzu sehr. Mit ihnen hätte er maximal 7-Meilen-Stiefel fertigen können. Eventuell wollte er nun gleich Ikarus der Sonne entgegen fliegen.

 

Erwin Zeuner erging es wie vielen Erfindern und Visionären damals und heute. Ihm fehlte das nötige Kleingeld, um seine Ideen bis zum Ende zu entwickeln und zu testen.

Aus diesem Grunde stellte er sein Flugmaschinenmodell vom 13.-16. August 1910 im Ratskeller der Stadt Adorf für einen Eintrittspreis von 25 Pf. für Erwachsene und 10 Pf. für Kinder aus. Diese Eintrittsgelder sollten ihm helfen sein Werk zu vollenden.

Schon am ersten Tag der Ausstellung fand diese einen großen Anklang aus nah und fern. Sowohl die saubere Arbeit des Modells als auch die ausgestellten Zeichnungen fanden wegen der Exaktheit ihrer Ausführung volle Anerkennung bei den Besuchern.

 

 

Der Adorfer Grenzbote berichtete in seinem Artikel auch über einige interessante Details des Modells, die ich hier gerne wörtlich wiedergeben möchte. Der eine oder andere Modellbauer und Flugzeugkonstrukteur kann sich mit diesen Details ein genaueres Bild von Zeuners Flugmaschinen-Modell machen.

 

„Die Aviatik beginnt auch in unserem oberen Vogtland zu keimen. Ein Einwohner aus Freiberg bei Adorf- Herr Erwin Zeuner- beschäftigt sich seit langer Zeit mit dem Bau eines Modells einer nach eigenen Plänen projektierten Flugmaschine. Es ist ihm jetzt gelungen, das Modell trotz seiner Größe von 3 mal 2,5 Meter und einer Schwere von 4 ½ Kilogramm zum Gleitflug zu bringen, und zwar 12 Meter weit. Das wesentlich neue an dem Apparat, der ein Eindecker ist, sind die Einrichtungen, welche die seitliche Gleichgewichtslage herstellen, sowie eine doppelte, von einander unabhängige Höhensteuerung. Zwei an den Seiten unterhalb der Haupttragfläche angebrachte Steuerflächen sind so gedacht, daß sie, entgegengesetzt verschiebbar, sich höhensteuerartig unter die Haupttragflächen schieben. Dadurch vergrößern sich die Flächen auf einer Seite, während es entgegengesetzt das Gegenteil ist. Es befindet sich eine automatische Höhensteuerung am hinterem Ende und eine durch den Führer bediente Höhensteuerung vorn. Die vordere schließt sich direkt der Haupttragfläche an und besteht aus zwei Flächen, wovon die untere, dicht über den Erdboden angebrachte den Zweck hat, eine starke Pressung der Luft zwischen Fläche und Erdboden zu erzeugen, damit der Apparat sich schneller und mit vermehrter Kraft vom Erdboden zu erheben vermag. Die Seitensteuerung ist hinten angebracht. Die äußeren Enden der nach innen zu geneigten Flügel werden beweglich, sodaß sie bei starkem Wind oder bei irgend einem Defekt in die Höhe geklappt werden können und einen stumpfkeilförmigen Gleitflug gestatten. Führer und Passagier kämen in der Gondel zu sitzen und könnten auch auf Wasser niedergehen; mit Hilfe des Propellers, der vorn noch über Wasser wäre, könnten sie dann irgend einem Ziele zustreben. Da der Konstrukteur, Herr Zeuner, weder Mühe noch Kosten gescheut hat, jetzt aber am Ende seiner finanziellen Leistungsfähigkeit angelangt ist, so bittet er die Einwohnerschaft von Adorf und Umgebung, ihn in seinem Werke recht tatkräftig unterstützen zu wollen. Gelegenheit dazu bietet sich zu der von Sonnabend, den 13., bis Dienstag, den 16. August, dauernden Ausstellung des Zeunerschen Flugmaschinen-Modells im hiesigen Ratskeller.“

Ob die Einnahmen der Ausstellung ausreichten, um sein Modell zu beenden, ist nicht bekannt. Wo werden die hochgelobten Zeichnungen geblieben sein? Liegen sie noch heute, zusammengerollt in der hintersten Ecke eines Freiberger Dachbodens?

Vom Verkehrsmuseum Dresden gGmbH erhielt ich folgende Antwort zum Freiberger Flugpionier.

 

„Das ist ja eine ganz spannende Geschichte, die viele Fragen aufwirft, der Sie auf der Spur sind. Wir wissen leider nicht mehr über Erwin Zeuner. Da es sich nur um ein Modell handelte, lässt sich über eine eventuelle Flugtauglichkeit nur spekulieren. Vom Aussehen her hatte der Flugapparat, bis auf den Bug, eine moderne Form für die Zeit. Ähnlich z.B. die der Blériot XI. Für eine eventuelle Flugtauglichkeit wäre auch die Art des Motors sehr wichtig gewesen, von dem in dem Zeitungsartikel keine Rede ist.“

 

Weitere Recherchen ergaben, dass Erwin Zeuner weiterhin eng mit seiner Heimat verbunden war und der Adorfer Grenzbote über seine Entwicklung berichtete.

 

Am 8. April 1915 lesen wir dort, dass Erwin Zeuner in Döberitz seine Ausbildung als Flieger erhält. Dort traf er auf den Piloten Fritz Krieg, der vor Jahren als Kaufmann in der Möbelfabrik der Firma Bleyer u. Dörfeldt in der Staudenmühle beschäftigt war.

 

Am 30.6.1915  zitiert der Adorfer Grenzbote wie folgt aus einem Brief von Erwin Zeuner:

 

"Es ist geschafft" Ich habe es errungen! Mein sehnlichster Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Heute, Sonntag, den 27. Juni, früh, schwebte ich zum erstenmal mit meinem Fluglehrer in den Lüften. Es war für mich etwas Erhebendes, tief unter mir Felder, Wiesen, und Häuser dahingleiten zu sehen. Es surrt der Propeller in Orgeltönen, und immer höher steigt unser Renn-Eindecker (System Fokker); in rasender Schnelligkeit (Sekunde 34 Meter) gleiten wir dahin, bis zu einer Höhe von 500 Meter. Da, auf einmal setzt die Verwindung nach links ein, in schneidiger Kurve wenden wir in schräger Stellung mit Seitensteuerung, gleich darauf Tiefensteuer, und der Apparat neigt sich nach vorne. Ein wunderbares Gefühl geht durch meinen Körper und immer näher rücken wir der Erde zu, bis wir am Ziel angelangt, glatt und sicher landen.

 

Laut https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fokker_Eindecker_takeoff_profile_view.jpg

müssen wir uns das oben beschriebene Flugzeug in etwa so vorstellen.

 

 

Abschließend gratuliert ihm die Heimatzeitung zu seinem neuen gefahrvollen Beruf und wünschte viel Glück und Erfolg beim Dienen für das Vaterland.

 

Am 9. September 1915 werden die Leser in Adorf und Umgebung informiert, dass Emil Zeuner zur Zeit Flugschüler in einer Militärfliegerschule in Schwerin ist und der Zeitung ein Foto von ihm in einem Flugzeug in voller Fliegerausrüstung sitzend schickte. Nach 90 Schulflügen durfte Erwin Zeuner am 3. September 1915 erstmals einen Alleinflug über eine halbe Stunde unternehmen.

 

Wie gefährlich die Fliegerei sein kann, zeigt nachfolgende Meldung vom 28. März 1916.

 

"Herr Erwin Zeuner aus Freiberg, der jetzt nachdem er von seinem Absturz wieder vollkommen hergestellt ist, zur Flugschule von Nieder-Neuenburg bei Berlin kommandiert ist, hat uns von dort eine Anzahl Photographien, die den Absturz betreffen, gesendet. Die Bilder sind in unserem Schaukasten ausgestellt. Zeuner schreibt uns, daß er bald seine zweite Prüfung abzulegen haben wird. Er geht dann nach Altenburg zu einer dritten Prüfung, von wo aus er, wie er uns mitteilt, wenn ihm das Glück hold ist, einen Abstecher ins Vogtland zu machen gedenkt."

 

Das Glück war ihm leider nicht hold genug.

 

In den Verlustlisten aus dem 1. Weltkrieg wird vermeldet, dass Erwin Zeuner als Mitglied einer Feldfliegertruppe tödlich abgestürzt ist. Umfangreiche Recherchen hierzu verliefen erfolglos. Interessant ist hierbei, dass er in der Verlustliste, wie einige andere auch, ohne militärischen Dienstgrad aufgeführt wurde.

Interessant ist weiterhin die Tatsache, dass Erwin Zeuner auf einem Gedenkstein für die Gefallenen des 1. Weltkrieges in Hennigsdorf Landkreis Oberhavel in Brandenburg gedacht wird. Laut Recherchen von Peter Jacob wurde er aber in Spandau begraben. Wo ist hier der Zusammenhang?

Auskunft gibt das Sterberegister der Stadt Hennigsdorf.

Hier wurde am 8. Juni 1916 eingetragen, dass das Reservelazarett II Spandau mitteilt, dass der unverheiratete Flieger/Gürtler Erwin Gustav Zeuner geb. am 21. Januar 1882 zu Freiberg bei Adorf von der Fliegerersatzabteilung I in Nieder Neuendorf, wohnhaft im Gut Nieder Neuendorf am 30. Mai 1916 verstorben ist. Er hatte einen Ober- und Unterschenkelbruch sowie innere Verletzungen. Wenn Erwin Zeuner mit diesen Verletzungen im Lazarett in Spandau lag, ist es unwahrscheinlich, dass er an den Fronten des 1. Weltkrieges abgestürzt ist.

Laut Recherche im Internet befand sich damals in Nieder Neuendorf bei Hennigsdorf eine Militär-Fliegerschule der A.E.G.- Flugzeugwerke / FEA1 (Fliegerersatzabteilung I). Der fehlende militärische Dienstgrad könnte darauf hinweisen, dass er bei der A.E.G. angestellt oder, wenn es das damals schon gab, Zivilangestellter war. Vom Lazarett in Spandau bis nach Nieder Neuendorf sind es ca. 10 km. Dass lässt vermuten, dass Erwin Zeuner bei einem Flug eines Flugzeuges der Fliegerschule mit an Bord war und nach dem Absturz ins naheliegende Lazarett nach Spandau gebracht wurde.

Aufklärung zu seinen Todesumständen brachte eine Notiz im Leipziger Tageblatt und Handelsanzeiger vom 4. Juni 1916. Dort können wir nachfolgende Meldung lesen:

 

„Adorf i.V., 3. Juni. Bei einer Flugübung ist der aus dem benachbarten Dorfe Freiberg stammende Flieger Erwin Zeuner abgestürzt, er verstarb in dem Lazarett zu Spandau. Zeuner hatte vor dem Kriege durch den Bau eines eigenen Flugapparates von sich reden gemacht.“

 

Die Berufsbezeichnung Gürtler in dem Sterbeeintrag ist ein Hinweis dafür, dass er eine Ausbildung in der Adorfer Perlmutterwarenindustrie absolviert bzw. einmal als Gürtler gearbeitet hatte. Das dafür erforderliche handwerkliche Geschick wurde schon bei der Qualität seines im Ratskeller Adorf ausgestellten Flugmodells gewürdigt. Und so könnte sich der Kreis zum am Anfang befindlichen Bild schließen. In der FreibergerMuckenmühle“ befand sich zu dieser Zeit die Sächsische Perlmutterwaren Fabrik von Johann Rauh.

 

Zu Freiberg müssen damals noch Beziehungen bestanden haben. Ansonsten wäre Erwin Zeiner/Zeuner nicht auf dem dortigen Kriegerdenkmal erwähnt.

Die Änderung der Schreibweise seines Namens muss sich schon in Freiberg bzw. Adorf vollzogen haben. In der Zeitungsanzeige von 1910 schreibt er sich schon Zeuner. Bei einem genaueren Blick auf die oben abgebildete Postkarte stellt sich die Frage nach dem Alter des dort abgebildeten Erwin Zeuner. Ist diese Postkarte im Zusammenhang mit der Ausstellung im Ratskeller zu Adorf entstanden? Dann wäre Erwin Zeuner dort 28 Jahre alt gewesen. Peter Jacob berichtete, dass die Karte am 7.8.1916 nach seinem Tode verschickt wurde. Damit könnte diese Karte auch nach dem Tode zu Ehren von Erwin Zeuner entstanden sein. Das Foto könnte man auch einem Mann Anfang 30 zuordnen.

 

Wo werden die in den beiden Zeitungsartikeln von 1915 beschriebenen Fotos von Erwin Zeuner geblieben sein? Sie wären ein wunderbares historischen Dokument eines Fliegerpioniers aus Freiberg bei Adorf.

 

Klaus-Peter Hörr

März 2017, Ergänzung Dezember 2025